Schon wieder der Nachbar!

Blog27. März 2014, 09:50
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Über die Sprache der Statistik und warum auf einmal alles anders ist

"Vom Arbeitsmarkt zurückgezogen" heißt das also. Oft ist die Sprache der Statistik ja eine euphemistische, sie beschönigt das hässliche Gesicht der Realität. So auch im Fall einer kürzlich präsentierten Studie der Statistik Austria, die "Bildungsbezogenes Erwerbskarrierenmonitoring" heißt - abgekürzt "BibER", was nett klingt, tatsächlich aber sehr unerfreulich ist.

Klang hin oder her, es geht um jene 35.000 Jugendlichen zwischen 15 und 18 Jahren, die jährlich die Schule oder eine Ausbildung abbrechen (derStandard.at berichtete) oder nach der Pflichtschule keine weitere Ausbildung anfangen. Sie sind armutsgefährdet. 35.000, das ist eine abstrakte Zahl - besser vorstellen, was das heißt, können wir uns, wenn wir konkrete Personen vor Augen haben. Ich zum Beispiel meinen Nachbar. Sie erinnern sich? Von ihm war an dieser Stelle schon die Rede. Der ist nämlich gar kein Student. Der ist ein Schulabbrecher.

Ich hatte mich tatsächlich schon gefragt, an welcher Uni es noch möglich sei, derartig viele Lehrveranstaltungen zu verschlafen und trotz konsequenter Tag-Nacht-Umkehr das Semester erfolgreich zu bewältigen. Dabei bin ich völlig falsch gelegen. Bin meinem eigenen Vorurteil vom fröhlichen Studentenleben mit Partyexzess aufgesessen. Von Uni kann gar keine Rede sein.

"Vom Arbeitsmarkt zurückgezogen" heißt das also und ist gar nicht lustig. Die Statistik sagt weiter: Drei Monate nach Abbruch sind 3.700 von diesen Jugendlichen als Hilfsarbeiter tätig, 9.000 weder in Ausbildung noch erwerbstätig oder vom AMS betreut. Und nach drei weiteren Monaten, wird es da besser? Und nach drei weiteren? Und wenn aus den Monaten Jahre werden? Wie kann man diese jungen Menschen erreichen? Es gibt Jugendcoaching, ja.

Der Sozialminister denkt jetzt über eine Ausbildungsverpflichtung nach. Diese kann nach der Schulpflicht durch einen weiterführenden Schulbesuch, das Absolvieren einer Lehre oder die Inanspruchnahme eines außerschulischen Qualifizierungsangebots erfüllt werden. Sonst droht eine Verwaltungsstrafe. Das ist wohl gut gemeint, wirkt aber als Maßnahme seltsam antiquiert. Mit Strafe drohen? Ob das gerade bei Jugendlichen eine wirkungsvolle Methode ist?

Die Gründe für den Schulabbruch kenne ich im konkreten Fall nicht. Ein Drittel der AHS-Abbrecher sind nach 18 Monaten "vom Arbeitsmarkt zurückgezogen", sagt die Statistik. Was für eine Verschwendung. Wie verzweifelt müssen sie sein. Ich mache mir Sorgen um meinen Nachbarn. (Tanja Paar, derStandard.at, 27.3.2014)

  • Der Nachbar, ein Partystudent? Nein, "vom Arbeitsmarkt zurückgezogen".
    foto: apa/ franziska kraufmann

    Der Nachbar, ein Partystudent? Nein, "vom Arbeitsmarkt zurückgezogen".

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