Pisa: Legitimation für Gewalt an Kindern?

Kommentar der anderen26. März 2014, 19:27
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Die Schulen dürfen keine Leistungszuchtanstalten für einen Test sein

Ich verstehe, ehrlich gesagt, die Aufregung um die Aussetzung der Pisa-Studienteilnahme durch Bundesministerin Gabriele Heinisch-Hosek nicht ganz - beziehungsweise überhaupt nicht. Das Datenleck mag für die Entscheidung der Ministerin ausschlaggebend sein, es gibt aber noch andere Gründe: Wer am Mittwoch, dem 19. März - sinnigerweise am schulfreien Josefi-Tag - den ORF-Bericht über eines der Pisa-Siegerländer, nämlich Südkorea, gesehen hat, dem müsste eigentlich der Ruf nach Studien wie dieser überhaupt im Hals stecken bleiben. Freilich schneiden auch skandinavische Länder, insbesondere Finnland, aufgrund ihrer fortschrittlichen Bildungspolitik seit den 1970er-Jahren immer wieder gut ab, aber dennoch: Wozu müssen wir unbedingt jährlich bei einer international immer wieder stark kritisierten Erhebung mitmachen, in der Länder, die an ihren Kindern staatlich verordnete massive Gewalt begehen, beste Ergebnisse erzielen?

So müssen südkoreanische Kinder bis zu 17 Stunden täglich schulische Arbeit leisten, werden von ihren Eltern noch um Mitternacht zu Spezialkursen herumgekarrt und können vielfach gerade einmal fünf Stunden schlafen. Für Spielen und gemeinsame Unternehmungen bleibt da keine Zeit. In Japan und China gibt es ähnliche skandalöse Zustände. In der Folge häufen sich auch Kindes- und Jugendlichenselbstmorde. Das ist schwerste massenhafte kriminelle Gewalt gegen Kinder, gegen die die internationale Gemeinschaft, die OECD und die Menschenrechtsorganisationen längst laut aufschreien hätten müssen.

Perverses Leistungsdenken

Bildungswissenschafter aus der ganzen Welt sollten sich gegen ein derartig perverses Leistungsdenken zusammenschließen und fordern, Länder wie diese sofort aus internationalen Vergleichsstudien auszuschließen. Ein gutes Pisa-Ergebnis bestärkt die kindesmisshandelnden Machthaber in diesen Ländern womöglich noch, ihr Treiben unvermindert fortzuführen. Schließlich muss Pisa sich die Frage gefallen lassen, ob hier nicht einseitig "gemessen" wird: der Erfolg von Lernautomaten, denen von den Eltern für die prägsamste Zeit ihres Lebens jeder Freiraum und jede spielerische Leichtigkeit ausgeblasen wird? Also seelenlos gemachte, staatlich vergewaltigte Reproduktionsmaschinen toten Wissens?

Österreich sollte das Aussetzen dieser Prozedur - egal aus welchem Anlass - zu einem Zeichen dafür erklären, dass Schule niemals und nirgendwo auf der Welt zu einer einseitigen, unmenschlichen Leistungszuchtanstalt pervertiert werden darf. Wenn wir schon internationale Vergleiche suchen, dann muss auch klargestellt werden, dass Spitzenleistungen niemals durch menschenrechtsverletzenden Leistungsdrill erzielt werden dürfen. Davor die Augen zu verschließen und Länder wie Südkorea weiterhin als "Spitzennationen" im Pisa-Vergleich zu führen heißt, das Elend der Kinder in diesem und ähnlichen Ländern hinzunehmen, wenn nicht gar zu fördern. (Josef Christian Aigner, DER STANDARD, 27.3.2014)

Josef Christian Aigner lehrt Erziehungswissenschaften an der Universität Innsbruck und ist Vorstandsmitglied im Österreichischen Kinderschutzbund.

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