"Give me back the Berlin wall"

Kommentar27. März 2014, 09:26
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"Der Westen" erfindet sich durch das Feindbild Russland neu und vergewissert sich seiner moralischen Überlegenheit

"Give me back the Berlin wall", sang Leonard Cohen im Jahr 1992. In dem dystopischen Lied "Future", in dem die Apokalypse heraufbeschworen wird, heißt es weiter: "Things are gonna slide, slide in all directions (...) Won't be nothing (...) you can measure anymore". 22 Jahre später ist Cohens Textzeilen eine gewisse politische Aktualität nicht ganz abzusprechen.

Seit Ausbruch der Krim-Krise erlebt der Kalte Krieg ein Revival: zum einen als Schreckgespenst, häufig eingeleitet mit dem Stehsatz "hoffentlich nie wieder...", zum anderen aber auch als eine Option, die angesichts der jüngsten Ereignisse nicht mehr von der Hand zu weisen ist. Vor 1989 hatte die beidseitig proklamierte Systemkonkurrenz eine gewisse Berechenbarkeit und Stabilität mit sich gebracht. Vor dem Hintergrund der sich schlagartig überstürzenden Ereignisse wäre ein Gleichgewicht des Schreckens einer drohenden Eskalation vorzuziehen.

Selbstverständlich ist eine Neuauflage des Kalten Kriegs weder denkbar noch wünschenswert, und doch stecken viele westliche Medien und Politiker mitten in einem solchen. Das medial geschürte Unbehagen, mit anderen Worten das "Russland-Bashing", erlebt eine Hochblüte, die in einer derart einseitigen Ausprägung schon lange nicht zu beobachten war. Russland wird vielfach als eine Projektionsfläche inszeniert, vor welcher "der Westen" seine eigene moralische Überlegenheit zelebriert. Die Faktenlage spielt dabei eine untergeordnete Rolle.

So ließ sich etwa das Magazin "News" dazu hinreißen, Putin als Joker auf die Titelseite zu knallen und zusätzlich nachzulegen: "Der Feind der Welt. So gefährlich ist er für uns." Auch bei Profil war auf der Titelseite vom "gefährlichsten Mann der Welt" die Rede. Eine seriöse, inhaltlich fundierte Auseinandersetzung mit der weltpolitischen Lage sieht anders aus.

Putin: dämonisiert und psychologisiert

Dämonisierung, Pathologisierung, Psychologisierung und Unterstellung von Größenwahn – darauf läuft es vielfach hinaus, wenn in diesen Tagen in den westlichen Medien von Putin die Rede ist. Dabei agiert die derzeitige russische Außenpolitik alles andere als irrational. Im Gegenteil: Der diplomatische Apparat der Russischen Föderation funktioniert wie eine gut geölte Maschinerie und lässt die außenpolitischen Bemühungen der EU unbeholfen, chaotisch, impulsiv und unsachlich aussehen.

Man mag das Vorgehen Russlands für illegitim oder unmoralisch halten – irrational ist es ganz gewiss nicht. Hochgradig irrational ist es dagegen, wenn die EU demokratische Werte zu verteidigen glaubt, indem sie Verträge mit einer nicht demokratisch legitimierten Regierung abschließt, die mit undemokratischen Mitteln an die Macht gekommen ist und deren bisheriges Gebaren keine Rückschlüsse auf eine demokratische Grundgesinnung zulässt. Eine derart übereilte Vorgehensweise, bei der sich die EU mehr auf eigene blinde Flecken als auf gesichertes Wissen stützt, lässt sich nur mit irrationaler Angst und reflexhafter Abwehr erklären.

Warum können die Russen nicht so sein wie wir?

Hans Rauscher bringt die diffuse Irritation des Westens über Russland präzise auf den Punkt: "Nach dem (...) Zerfall der Sowjetunion glaubten viele (...), dass mit den richtigen Reformen Russland so werden könnte wie ... ja, wie wir." Intuitiv hat der Autor mit diesen Worten genau das angesprochen, was einen vernünftigen, rationalen Dialog auf Augenhöhe zwischen EU und Russland verunmöglicht, nämlich der latente Wunsch "des Westens", Russland möge doch endlich so werden "wie wir". Was bedeutet aber "wie wir"? – frei von Korruption? Lupenrein demokratisch? Frei von Gelüsten, seine Einflusssphären außerhalb der eigenen Grenzen zu verteidigen?

Popularität speist sich aus dem Chaos der 90er-Jahre

Auffällig ist, dass Putin mit "den Russen" gewissermaßen gleichgesetzt wird, so als hätten die breiten Volksmassen ein Mitspracherecht in Putins außenpolitischen Manövern. Zwar trifft es zu, dass Putin derzeit hohe Popularitätswerte genießt, aber eine Gleichsetzung von Putin und den Russen wird der komplexen Realität der russischen Gesellschaft nicht gerecht.

Putin schlägt noch heute politisches Kapital aus dem Chaos der 90er-Jahre, als die Bevölkerung die Kehrseite der abrupten Einführung einer entfesselten Marktwirtschaft am eigenen Leib erfahren musste. Putins heutige Popularität geht auch auf die Jelzin-Ära zurück, als große Teile der Bevölkerung zu Verlierern des Systemwandels wurden und die politische Instabilität für viele existenzbedrohlich war. Aber anstatt sich mit solchen Zusammenhängen zu befassen, ist es viel einfacher, auf Kulturalisierungen zurückzugreifen und der russischen Bevölkerung pauschal eine "eher autoritäre Gefühlslage" zu attestieren.

Armut aus freien Stücken?

Rauscher postuliert außerdem, die Mehrheit der Russen sei "bereit, die immer noch abenteuerlich schlechten Lebensbedingungen zu akzeptieren, solange sich nur der Rest der Welt vor Russland fürchtet." Die Unterstellung, man könne sich aus freien Stücken für oder gegen abenteuerlich schlechte Lebensbedingungen entscheiden, gibt in bester neoliberaler Manier in Armut lebenden Menschen die Schuld an ihrer Armut und grenzt an Zynismus.

"Der Westen", wie er dieser Tage in den Medien konstruiert wird, täte gut daran, sich vernünftig, rational und realpolitisch mit der Argumentation der russischen Seite auseinanderzusetzen. Diese ist nämlich keineswegs aus der Luft gegriffen. Eine solche Auseinandersetzung kann jedoch nicht stattfinden, solange im Westen der Glaube an die Überlegenheit des eigenen Modells unerschütterlich geradezu irrational aufrechterhalten wird. (Mascha Dabić, daStandard.at, 27.3.2014)

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