Die berühmten drei Worte

26. März 2014, 17:17
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Der neben Udo Jürgens letzte Sir des romantischen deutschen Schlagers geht noch einmal auf Tournee. Howard Carpendale ist der Mann, der wie kein anderer "Isch lieb-ä disch" ins Publikum hauchen kann

Wien - Diese Karriere ist nicht auf Sand gebaut. Die Spuren, die man in ihm oft gerade erst gestern noch fand, sie sind heute verschwunden. Die Flut hat sie mitgenommen. Was bleibt, ist die Sehnsucht, die Sehnsucht nach ihr. Die Sehnsucht aber, das wissen wir aus dem deutschen Schlager, die Sehnsucht kann niemand stillen. Sie ist der Stein im Schuh namens Leben. Der Stein mag klein sein, der Schmerz aber wird über die Jahre riesengroß. Er ist der Preis dafür, dass man ein Herz hat und ein Mensch ist, voller Hoffnungen, Träume, Verzweiflung.

Das Leben bietet viele Enttäuschungen, aber bietet es auch Trost? Es kann nicht nur Musik geben, die zum Kampf aufruft und die Sterne vom Himmel holt. Manchmal wollen wir auch Lieder hören, deretwegen man weinen möchte und die trotzdem trösten. Keine komplizierten Sätze, nichts mit Gewaltspirale, Cäsiumanteil, Negativgewinn oder Teilzeitarbeit. Sachen, die man auch im Alltag sagt, werden mit getragenen Melodien unterlegt. Es ist, wie es ist. Und es ist fürchterlich. Wenn man aber glaubt, es geht nicht mehr, dann fällt nicht gleich ein Hansi Hinterseer über einen her.

Howard Carpendale singt: Du fängst den Wind niemals ein. Und: Engel dürfen nicht weinen. Er erinnert sich: Das war der Tag, der den Regen brachte. Er beobachtet: Tränen trocknen schneller im Wind. Er ahnt: Morgen früh wirst du gehn. Er rechnet ab: Tausend Nächte schlaflos. Er stellt fest: Das nennt man Blues. Er weiß: Es ist Zeit zu gehen. Sei stark. Halte durch. Ich halte zu dir. Behalten wir unsere Würde. Das ist die Botschaft.

Das eingangs zitierte Lied Deine Spuren im Sand markierte 1975 einen der vielen Höhepunkte in der Karriere des Howard Carpendale. Für ihn ging es ab da, herauf von den frühen Erfolgen mit einer deutschen Version von Ob-La-Di, Ob-La-Da oder Das schöne Mädchen von Seite eins, immer noch weiter aufwärts: Ti Amo, Hello Again, Nachts, wenn alles schläft, Tür an Tür mit Alice. An die 600 Lieder hat Howard Carpendale im Laufe seines Lebens nicht nur eingesungen, für viele hat er auch die Musik geschrieben. Damit hat er 30 Millionen Platten verkauft.

Romantik mit Festfrisur

Der deutsche Schlager aber, in all seiner dekadenten Pracht mit übergroßen Frisuren, die auch nach Stunden halten, Hosen mit Schlagseite und einem fröhlich-verspießerten Lebensgefühl im aus Plastik bestehenden Wohlstand, wie er im Quelle-Katalog dokumentiert wurde, ging bald darauf unter. Deutscher Herbst 1977, ich sehe eine Dunkelheit.

RAF, ein Leben zwischen Ölkrisen (1973 und 1979). Speziell 1975: Pol Pot, der Fall Saigons, die Gründung Microsofts. Kreisky war keine Band, sondern Bundeskanzler. CD war eine Seife.

Auf der richtigen CD wurde der Schlager dann zu hüftsteifem Pop. Er musste quietschbunt und Neue Deutsche Welle oder Disco sein. Das ist traurig und schnell erzählt. Seit Jahren fristet er in Skihütten ein Dasein zwischen pornografischen Texten und Dauerfetzen - oder er macht mit Helene Fischer Hartz-IV-Betreuung im Osten.

Die Zeiten waren und sind niemals leicht. In den Siebzigerjahren aber waren sie restgut. Sie hatten Melodien, Stil, ein wenig Supertramp-Saxofon und noch sehr viel Herz und Sehnsucht.

Der 1946 in Südafrika geborene Howard Carpendale war als Beatsänger nach Deutschland gekommen und zum deutschen Schlager überredet worden. Seine erste Platte verkaufte 60.000 Stück und meinte es gleich ernst: Lebenslänglich. Unter seiner blonden Festfrisur hatte er einen treuherzigen Augenaufschlag, den sonst nur Prinzessin Diana hinbekam. Und er hatte den Akzent, der nicht nur die Herzen, sondern auch der Romantik die Türen öffnete.

Der späte Sir des deutschen Schlagers baut nach einem krankheitsbedingten Bühnenabschied Anfang der Nullerjahre seine Karriere nach wie vor auf seine berühmten drei Worte. Sie lauten "Isch", "disch" und "lieb-ä". "Isch lieb-ä disch" gibt Halt und Kraft in der Dauerkrise. Ein Märchen aus uralten Zeiten, tausendmal erzählt. Wichtig nur: Man muss merken, dass es der Sänger ernst mit einem meint. Wer lacht, hat verloren. Das ist alles. Das ist nicht wenig. 2014 haucht Howard Carpendale wunderbar zittrig mit Kopfstimme wie der späte Bryan Ferry ins Mikrofon. Herzensgute Musik: Könnt ihr misch 'ören?! (Christian Schachinger, DER STANDARD, 27.3.2014)

Howard Carpendale live

  • Do., 27. 3., Salzburgarena, Salzburg.
  • So., 30. 3., Olympiahalle, Innsbruck.
  • Di., 8. 4., Tips Arena, Linz.
  • Mi., 9. 4., Stadthalle, Wien
  • Howard Carpendale spendet mit einfachen Worten und getragenen Melodien Trost in Zeiten, die nie gut gewesen sind. Ab Donnerstag live in Österreich.
    foto: ap/christof stache

    Howard Carpendale spendet mit einfachen Worten und getragenen Melodien Trost in Zeiten, die nie gut gewesen sind. Ab Donnerstag live in Österreich.

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