Putin: "Schaue selten in dieses Internet"

4. November 2014, 09:11
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Russischer Präsident besitzt auch kein Handy - seine Geheimdienste hören dafür gerne bei ausländischen Politikern mit

US-amerikanische Geheimdienste verzweifeln: Wie kommt es, dass die Annexion der Krim sie so unerwartet traf? Warum gibt es so wenige Informationen aus Moskau? Die Antwort darauf könnte in den schon zu Sowjet-Zeiten erprobten Angewohnheiten der russischen Führungsspitze liegen, die im Unterschied zu ihrer Bevölkerung äußerst technologieskeptisch ist.

Putin hat kein Handy

So gab Vladimir Putin schon öfter zu Protokoll, kein Mobiltelefon zu besitzen. Seine Erklärung: Sobald man ein Handy besitze, klingle es ständig. Der frühere KGB-Spion ist auch kein Freund des Internets, wie er erst letzte Woche bekräftigte. Als ihn bei einem Meeting ein Industrieller darauf hinwies, dass ein besprochenes Dokument online verfügbar sei, antwortete ihm Putin, dass er "selten dieses Ding ansehe, in dem du anscheinend lebst, dieses Internet."

"Das ist kein Telefongespräch"

Die Skepsis vor elektronischer Kommunikation hat lange Tradition, wie das Time Magazin erläutert: So war es früher üblich, sich am Telefon gegenseitig zu erinnern, dass die Unterhaltung "nicht für ein Telefongespräch" geeignet sei. So solle verhindert werden, dass kritische Details unabsichtlich ausgeplaudert würden.

Mitschnitte: "Fuck the EU"

Ein Sprichwort, dass sich indes europäische und US-amerikanische Politiker zu Herzen nehmen sollten. In den vergangenen Wochen wurden immer wieder Mitschnitte von vertraulichen Telefongesprächen durch dubiose Quellen veröffentlicht. Den Anfang machte die US-amerikanische Europa-Beauftragte Victoria Nuland mit ihrem "Fuck the EU"-Sager, anschließend leakte ein Gespräch zwischen EU-Außenbeauftragter Catherine Ashton und dem estländischen Außenminister.

Westen gegen Moskau

Am Montag erschien nun ein Telefongespräch, in dem man die ukrainische Oppositionspolitikerin Julia Timoschenko deftig über Russland schimpfen hörte. Alle drei geleakten Gespräche hätten eine Gemeinsamkeit, so The Daily Beast: Sie zeigten, wie sich westliche Politiker vermeintlich in innerukrainische Konflikte einmischten und gegen Moskau wandten.

Russische Dienste

US-Geheimdienstexperten vermuten daher russische Dienste hinter den mitgeschnittenen Telefonaten. "Aus russischer Perspektive ist es relativ kostengünstig, aber nützlich, Telefongespräche zu belauschen", so Mark Galeotti, Sicherheitsexperte an der New York University. Anschließend würden die Infos an ausländische Medien geleakt werden, um dann mit voller Kraft von staatlich kontrollierten Sender wie Russia Today verbreitet zu werden.

Spionage-Flugzeuge

Einen weiteren Hinweis auf geheimdienstliche Aktivitäten Russlands hatte unlängst der Einsatz von Beriev A-50-Flugzeugen, die elektronische Signale abfangen könnten. Diese wurden nahe der ukrainischen Grenze gesichtet – nah genug, um einen Großteil der ukrainischen Kommunikation mitzuschneiden. Julia Timoschenke hat indes auf Twitter schöne Grüße an den russichen Geheimdienst FSB übermittelt – der ironischerweise zumindest zeitweise auch für den Schutz des NSA-Whistleblowers Edwards Snowden zuständig gewesen ist. (fsc, derStandard.at, 26.3.2014)

  • Hat zwar einen Computer, benutzt ihn aber nie: Russlands Präsident Vladimir Putin
    foto: epa/rodionov

    Hat zwar einen Computer, benutzt ihn aber nie: Russlands Präsident Vladimir Putin

  • Vladimir Putin am "Handy" - ein seltenes Bild. Russische Blogger rätseln seitdem, was es mit dem "klobigen" Handy auf sich hat
    foto: ap/druzhinin

    Vladimir Putin am "Handy" - ein seltenes Bild. Russische Blogger rätseln seitdem, was es mit dem "klobigen" Handy auf sich hat

  • Putin und sein damaliger ukrainischer Amtskollege Leonid Kuchma 2004
    foto: ap/soloyvlov

    Putin und sein damaliger ukrainischer Amtskollege Leonid Kuchma 2004

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