Die Fee Siriana oder Von der Rendite der Solidarität

Glosse26. März 2014, 05:30
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Nein, dieser alte Mann lebt nicht irgendwo in Syrien, sondern in Wien. Die passende Metapher wäre nun zu sagen, dieser alte Mann sei eine kleine Insel der Verzweiflung, mitten unter uns, die wir ein Meer aus Gleichgültigkeit sind. Gänzlich unmetaphorisch ist dieser verzweifelte, alte Mann der Kinderarzt Dr. J., der einst als junger Mann hoffnungsvoll aus Syrien nach Wien kommt. Und der nun der Kinderarzt unseres Sohnes ist.

Trotz seiner gesellschaftlich privilegierten Stellung als Arzt, kann Dr. J. dem Großteil seiner Familie in Syrien nicht die einzige sichere Hilfe bieten, die es in solchen Wechselfällen der Geschichte gibt: Asyl in seinem eigenen Heim. Auf seine eigenen Kosten. Im sicheren Österreich.

Danke Dr. J.!

Damals, in den 70ern, als Dr. J. nur Student der Medizin in Wien ist, kostet das Studieren nichts, weil der Steuerzahler die Rechnung begleicht. So hätte der Student J. auch kosmetische Chirurgie studieren können, um dann in Amerika Busenwunder zu erzeugen. Doch als Dr. J. Kinderarzt wird, bleibt er in Wien und ist bis heute der treue Begleiter vieler Wiener Kindheiten. Schon mein Freund Felix,  der Liguster ist als Kind sein Patient. Und Felixens Zwillingsbruder Alex ebenfalls.

Oft hört Dr. J. in diesen Jahrzehnten das Dankeswort erleichterter Wiener Eltern. Doch niemandem fällt ein, Dr. J. dafür zu danken, dass er das kostenlos erworbene Wissen jenen zugute kommen lässt, die es bezahlt haben. Noch erwartet Dr. J. diese Art von Dank. Weil es für ihn selbstverständlich ist.

Das Elfte Gebot: Du sollst Hilfe nicht verwehren!

Viele meinen dieser Tage, es sei nicht leistbar, nicht klug, nicht sicher oder sonst wie nicht möglich, Menschen aus Syrien im sicheren Österreich das Ende des Gemetzels abwarten zu lassen. Ich meine und sage, dass bloß noch niemand ernsthaft versucht hat, es durch kluge Politik leistbar, sicher und möglich zu machen, Menschen zu helfen aus der Hölle zu entkommen.

Und ich meine, dass solche Hilfe sich bezahlt macht. Wenn denn jemand unbedingt einen Nutzen im Helfen sehen will, um es als moralische Pflicht anerkennen zu können. Der Nutzen tritt nicht sofort ein, noch gibt es eine Garantie, dass es ihn am Ende gibt. Doch eines Tages werden die Kinder aus Syrien Erwachsene sein, die nicht vergessen haben, dass wir sie selbstlos retten, als ihre Kindheit von Todesschwadronen bedroht ist. Das heißt, wenn wir sie retten.

Inzwischen aber, ist noch immer kein Politiker mutig genug, zu sagen, dass Österreich schon 90.000 Ex-Jugos und davor wer weiß wie viele Ungarn und davor ausgebombte Reichsdeutsche ganz gut verdaut hat. Warum nicht 100.000 Frauen und Kinder aus Syrien? Das geht! Schmäh ohne!

Willkommen daheim!

Die Ironie, die mir auffällt, ist banal. Es gibt tatsächlich Menschen, die jederzeit und ohne Probleme aus Syrien nach Österreich reisen können und hier bleiben können, solange sie wollen. Und es sind keine sinisteren Oligarchen oder Assads Speichellecker die ihren "part of the game" hinter verschlossenen Türen brav entrichten.

Es sind junge Männer mit österreichischen Reisepässen, die sich vor wenigen Monaten nach Syrien aufgemacht haben. Sie können jederzeit aus einem Flugzeug aus Ankara in Wien Schwechat steigen, dem Grenzpolizisten ihren Pass mit türkischen Stempeln zeigen, ihm sagen, der urlange Urlaub in Antalya sei urleiwand gewesen, und sie wüssten nicht einmal, wie man Syrien schreibt.

Ausweitung der Kampfzone?

Man mag entgegnen, dass auch 100.000 syrische Frauen und Kinder in Österreich, genauso wenig wie ein Kampfjet einen Jihadisten am Handeln hindern können. Das ist wahr. Genauso wie es wahr ist, dass Österreich alleine das Gemetzel in Syrien nicht stoppen kann und die übliche Weltpolizei an Überdehnung leidet. Doch wahr ist auch, dass die EU noch nicht geschnallt hat, dass sie nicht nur  Weltpolizist spielen darf, sondern es auch kann.

Der militärische Muskel der EU kann binnen Monatsfrist (und ganz ohne Großbritannien) 50 voll ausgerüstete Divisionen zwischen die Fronten stellen und einen Frieden mit schierer Feuerkraft erzwingen. Das Welternährungsprogramm kann anschließend alle Syrer ernähren und die WHO kann sie alle medizinisch versorgen. Und ein Gericht kann alle Verbrecher zur Rechenschaft ziehen. Inzwischen können die Kinder des Krieges ein besseres Syrien aufbauen. Das heißt, wenn wir sie vor dem Krieg retten.

The show that goes on ...

Ich bin kein Pazifist um jeden Preis, weil das am Ende zu teuer ist. Ich halte mir stets vor Augen, wie eine Welt aussähe, wenn man auf die letzte Fortsetzung der Politik, den Krieg, um jeden Preis verzichtet. Dann wäre Kuwait, ein Mitgliedsstaat der Arabischen Liga und der UN, eine Provinz des Irak. Saddam Hussein und seine Söhne würden weiterhin ihr Regime als professionelle Sadisten und Mörder betreiben, Osama Bin Laden wäre weiterhin Gast der Taliban, und Slobodan Milošević hätte große Teile Bosniens und den gesamten Kosovo ethnisch gesäubert.

Und das wäre eine Kapitulation von Humanismus als Solidarität mit den Geknechteten, Aufklärung als Freiheit von Körper und Geist und Demokratie als gemeinschaftlichem Unternehmen für Gerechtigkeit. Diese Art Kapitulation ist der Schatten den die Regenbogenfahne wirft. Ich will das nicht!

Ich will, das die noch nicht massakrierten Frauen und Kinder in Syrien und anderswo zumindest eine berechtigte Hoffnung haben können, dass wir kommen werden um sie zu retten! Ich will dass meine Heimat Europa als ein Land in die Geschichte eingeht, das seine blitzblanken Kriegswaffen immer nur zur Verteidigung der Unschuldigen und Schwachen verwendet! Und ich will, dass kein Despot und kein Gotteskrieger ruhig schlafen kann!

… and on and on ...

Gestern verkündet Nobraingelina Pitt-Jolie, ein syrisches Kind adoptieren zu wollen. Kann es sein, dass sie am Ende mehr syrische Kinder retten kann als der Kinderarzt Dr. J. im reichen und sicheren Österreich? Kann es sein, das wir vergessen haben, dass das Leben eines Syrers genauso wertvoll ist wie unseres? Und kann es sein, das der gute alte Kinderarzt Dr. J. ein verzweifelter und verbitterter Mann bleiben soll? (Bogumil Balkansky, daStandard.at, 26.3.2014)

  • Artikelbild
    foto: reuters / muhammad hamed
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