Europarat kritisiert Abtreibung weiblicher Föten in Südosteuropa

25. März 2014, 18:38
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Signifikantes Ungleichgewicht der Geschlechter bei den Geburtenzahlen

Tirana/Sarajevo - "Ich habe von zu vielen Fällen gehört und ich habe es selbst getan. Ich habe drei Töchter bekommen, dann hatte ich vier Abtreibungen, weil ich einen Buben wollte", erzählte eine Frau aus Bathore, einer Vorstadt von Tirana, den Wissenschaftern, die 2012 den Bericht über das Ungleichgewicht bei Geburten und die Abtreibung weiblicher Föten in Albanien für den UN-Bevölkerungsfonds UNFPA machten.

Ähnlich wie in Armenien und Aserbaidschan gibt es in Albanien, dem Kosovo, Teilen Mazedoniens und Montenegro ein signifikantes Ungleichgewicht der Geschlechter bei den Geburtenzahlen. Laut dem französischen Institut Ined kamen 2010 auf 100 weibliche Babys, die geboren wurden, in Albanien 111,7 männliche, im Kosovo 109,7, in Nordwest-Mazedonien 110,9 und in Montenegro 109,8. Normalerweise liegt das Verhältnis zwischen weiblichen und männlichen Geborenen bei 100 zu 102 bis 106.

Der Menschenrechtskommissar des Europarats, Nils Muiznieks, sprach vergangene Woche bei seinem Besuch in Montenegro das Thema auch mit dem Gesundheitsminister an. Der Europarat fordert, dass die Abtreibung von Föten aufgrund ihres Geschlechts strafrechtlich belangt wird, weil sie das "Klima der Gewalt gegen Frauen verstärkt". Auch in Albanien sind diese Abtreibungen ein Politikum geworden. Im jüngsten UN-Menschenrechtsbericht wird ihr Anstieg erwähnt. Im Vorjahr wurde dazu eine Kommission im Gesundheitsministerium in Tirana eingeführt.

Sinken der Geburtenrate

In der Studie der UNFPA werden verschiedene Gründe für diese Abtreibungen genannt. Sie stehen in Zusammenhang mit dem rasanten Sinken der Geburtenrate in den 1990ern. Dadurch stieg auch die Wahrscheinlichkeit, "ohne Sohn" zu bleiben. Im albanischen patriarchalen Familiensystem zählt die männliche Linie. "Söhne werden deshalb unbedingt gebraucht, um die Familie fortzusetzen", so der Bericht. Mädchen hingegen würden nach der Heirat die Familie verlassen.

Einen Einfluss haben auch sozioökonomische Aspekte. Söhne werden als Schutz und Unterstützungsmöglichkeit erachtet. Entscheidend sei aber vor allem der Ultraschall, der die pränatale Geschlechtsbestimmung in Albanien ab 1987 ermöglichte. (Adelheid Wölfl, DER STANDARD, 26.3.2014)

  • Bei Schwangerschaften in manchen Staaten des Balkans gibt es ein eklatantes Geschlechterungleichgewicht.

    Bei Schwangerschaften in manchen Staaten des Balkans gibt es ein eklatantes Geschlechterungleichgewicht.

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