Wie geht man mit einer antiwestlichen Macht um?

Kolumne25. März 2014, 18:02
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Die Gefühlslage der russischen Bevölkerung ist mehrheitlich eher autoritär als demokratisch

Die amerikanische Historikerin Anne Applebaum (Der Eiserne Vorhang. Die Unterdrückung Osteuropas 1944-56) hat die Sache in der Washington Post auf den Punkt gebracht: Putins Aktionen hätten dem Westen gezeigt, dass "Russland keine westliche Macht mit Fehlern ist, sondern eine antiwestliche Macht mit einer anderen, dunkleren Vision von globaler Politik".

Die Österreicher haben das übrigens immer instinktiv verstanden, haben es zum Teil gutgeheißen und haben sich in der Geschichte der letzten Jahrzehnte hervorragend damit arrangiert. Das ist das Geheimnis, warum so viele Landsleute bis hinauf in die höchsten politischen und wirtschaftlichen Kreise großes Verständnis für Putin und seine Gewaltaktionen zeigen, warum sie der Meinung sind, dass man ein so großes Land ja gar nicht anders als mit autoritärer Unterdrückung ("mit starker Hand") regieren könne - und warum wir hervorragende Geschäfte schon mit der Sowjetunion und nun auch mit dem "neuen" Russland machten und machen. Wir waren in dieser Hinsicht immer realistischer.

Nach dem Sturz des Kommunismus und dem Zerfall der Sowjetunion glaubten viele - vor allem viele Amerikaner -, dass nun Demokratie, Rechtsstaat und Marktwirtschaft in Russlands neuer Gesellschaft Platz greifen werden; dass mit den richtigen Reformen Russland so werden könnte wie ... ja, wie wir.

Tatsächlich gibt es ja eine schmale russische (Mittel-)Schicht, die das tatsächlich will. Das sind die jüngeren Ehepaare mit Kindern, die man manchmal in den großen Tourismuszentren Europas trifft. Relativ gut verdienende Angehörige von höheren Berufen, die ökonomisch etwas aus sich gemacht haben und nun in der Heimat auch noch halbwegs freie politische Verhältnisse wollen - vor allem korruptionsfreie. Ihnen geht es nicht um imperiale Größe des rodina (Vaterland), sondern um vernünftige Lebensbedingungen. Und das erwarten sie sich von einem westlichen Modell.

Aber das ist nicht die Mehrheit. Die ist bereit, die immer noch abenteuerlich schlechten Lebensbedingungen zu akzeptieren, solange sich nur der Rest der Welt vor Russland fürchtet. Sie glaubt, dass die EU nicht ein Modell für Frieden und Wohlstand ist, sondern ein verderbtes Biotop von Schwächlingen mit perversen Neigungen. "Gayropa" ist ein Schimpfwort, das einer von Putins Chefpropagandisten erfunden hat. Wenn die Osteuropäer und die Balten, die Georgier und nun auch die Ukrainer unverständlicherweise so schnell wie möglich von der Sowjetunion bzw. vom "russischen Modell" wegwollten und -wollen, dann kann das nur eine diabolische Intrige des Westens (der USA und der EU) sein.

Kurzum, die Gefühlslage der russischen Bevölkerung ist - unter den gegebenen Umständen - mehrheitlich eher autoritär als demokratisch, eher imperialistisch nach außen als reformorientiert nach innen gewendet, eher reflexhaft antiwestlich als neugierig auf ein westliches Modell.

Die Frage ist aber, ob Putin jetzt haltmachen kann - oder ob er mit dem landgrabbing jetzt weitermachen will und muss. Und ob ihm die Mehrheit der Russen dann dabei immer noch folgt.

Österreich hat sich jahrzehntelang in der Neutralität arrangiert. Jetzt sind wir aber EU-Mitglied und müssen gegebenenfalls mit den anderen mitziehen. Unsere Regierung hofft, dass die Deutschen wirtschaftlich zu viel zu verlieren hätten und daher wirklich harte EU-Sanktionen verhindern werden. Wenn das aber nicht machbar ist, weil Putin die Sache überreizt, dann wird es Sanktionen geben, und dann leiden unsere Exporte nach Russland (3,5 Milliarden), unsere Investitionen dort (8,5 Milliarden) und unsere Kredite (15 Milliarden).

Gibt es da einen Plan B unserer Regierung? (Hans Rauscher, DER STANDARD, 26.3.2014)

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