"Man hat das Gefühl, dass nichts mehr planbar ist"

Interview30. März 2014, 17:42
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Literaturwissenschafterin Eva Horn analysierte Katastrophenszenarien in Filmen und Büchern und die Gründe, warum sie so beliebt sind

Eva Horn untersuchte schon in ihrem ersten Buch Der geheime Krieg (2006) Fiktionen und deren Verbindungen zur Wirklichkeit. Darin näherte sie sich etwa durch Spionageliteratur den Strukturen geheimen Staatswissens in der realen Welt. In ihrer eben abgeschlossenen Studie, die am 26. Juni unter dem Titel "Zukunft als Katastrophe" als Buch erscheint, beschäftigte sich Horn mit literarischen und filmischen Katastrophenszenarien in der Moderne: von millionenschweren US-amerikanischen Blockbuster-Produktionen wie "World War Z" bis hin zu Cormac McCarthys preisgekröntem Bestseller "The Road".

STANDARD: Wie schon in Ihrem ersten Buch ist auch in Ihrer neuesten Studie die Fiktion Ihr Untersuchungsmaterial. Was interessiert Sie an Fiktionen?

Eva Horn: Fiktionen sind für mich besonders prägnante Momentaufnahmen der Zeit, in der sie entstehen. Durch die Analyse von Fiktionen möchte ich etwas über die Gegenwart oder historische Epochen lernen. Die Welt der Imaginationen und die gesellschaftliche Wirklichkeit können nicht voneinander getrennt werden.

STANDARD: Wo liegen die Schnittstellen zwischen Fiktionen und Realität?

Horn: Unsere soziale Wirklichkeit besteht aus Überzeugungen, Intuitionen und Dingen, an die wir glauben. Diese basieren nicht unbedingt auf harten Fakten, sondern sie werden geprägt durch Bilder, Erzählungen, Gerüchte und nicht zuletzt eben auch die Fiktionen, mit denen wir in der Literatur, im Kino oder in der Kunst in Berührung kommen. Daher können wir eine Menge über die Denkformen, die Befindlichkeiten, sogar den Gefühlshaushalt einer historischen Epoche oder auch einer gegenwärtigen Gesellschaft lernen, wenn wir ihre Literatur betrachten. Wissenschafter nennen das das "kollektive Imaginäre" – und nichts ist besser geeignet, das zu untersuchen, als Fiktionen.

STANDARD:  Sie haben sich in Ihrer aktuellen Studie mit der "Zukunft als Katastrophe" beschäftigt. Hatte diese Themenwahl mit der aktuellen Krise zu tun?       

Horn: Den Ausgangspunkt meiner Beschäftigung mit Katastrophengeschichten bildete sicherlich die Finanzkrise seit 2008. Plötzlich hatte man das Gefühl, dass nichts mehr planbar ist, dass wir uns eigentlich auf nichts mehr verlassen können. Und das betraf nicht nur unsere Finanzen, sondern die generelle Frage, welche Art von Zukunft eigentlich vor uns liegt. Und seit ein paar Jahren erscheinen immer mehr recht beklemmende Sachbücher über mögliche Desaster-Szenarien. Katastrophenromane sind ein eigenes Genre geworden, und auch das Kino bringt praktisch jede Woche einen Blockbuster heraus, der auf einer postapokalyptischen Erde spielt oder ein globales Desaster schildert. Denken Sie an "World War Z", „Elysium“ oder auch die Desaster-Satire "This is the End". Mir hat sich die Frage gestellt, was das über unsere Gegenwart aussagt.

STANDARD: Was könnte das sein?

Horn: Diese Filme drücken ein Zeitgefühl aus, das sich von einer unsicheren und möglicherweise schrecklichen Zukunft bedroht sieht. Wir wissen nur nicht so genau, was es ist. Ein sehr gutes Beispiel dafür ist etwa der Erfolg des  Roman "The Road" von Cormac McCarthy. Dieser Roman gewann den Pulitzer-Preis, weil er einen Nerv unserer Gegenwart trifft. Wir stellen uns immer häufiger den gänzlichen Zusammenbruch unserer Zivilisation vor. Das Buch erzählt auf eine präzise und zugleich sehr ergreifende Weise von einer Welt nach dem kompletten Zusammenbruch der menschlichen Institutionen, der Infrastruktur und – was das Schlimmste ist – auch der Natur. Nichts wächst mehr, es gibt nur noch Kälte und fahles Licht. Was genau passiert ist, bleibt unklar. Im Fokus des Romans stehen ein Vater und ein Sohn, die im Osten der USA versuchen, zum Meer und nach Süden zu laufen. Essen finden sie nur mehr in  vergammelten Konservendosen – wenn überhaupt. Sie leben ständig am Rande des Todes. Das Packende an diesem Roman ist, dass diese Welt unsere Welt ist – ganz ohne irgendwelche Science-Fiction. An einer Stelle heißt es: "Die Zerbrechlichkeit aller Dinge war endlich enthüllt."

McCarthys Roman ist ein Gedankenexperiment: Was wäre, wenn die Natur plötzlich ausgelöscht wird? Was geschieht dann mit den Menschen, mit der Natur des Menschen? Die Diagnose, die dieses Buch stellt, ist ziemlich schrecklich.

STANDARD: Was ist das Spezielle an aktuellen Katastrophenfiktionen?

Horn: Gegenwärtig taucht immer wieder eine besondere Figur auf: der letzte Mensch. So sehen wir etwa in  „I Am Legend“ Will Smith durch ein völlig entvölkertes New York fahren. Auch bei McCarthy geht es ja um die letzten Überlebenden der Spezies Mensch. Thomas Glavinics Roman „Die Arbeit der Nacht“ imaginiert ein menschenverlassenes Wien. Aber das gibt es nicht nur in der Fiktion: Der Sachbuchbestseller "Die Welt ohne uns" von Alan Weisman etwa beschreibt bestimmte Landschaften oder Bauwerke, nachdem der Mensch weg ist. Es wird gezeigt, wie diese Zivilisationsprodukte – Städte, Brücken, alles, was wir gemacht haben – langsam zusammenfallen und die Natur sich den Raum wieder zurückerobert. Aber davor müssten ja erstmal sieben Milliarden Menschen sterben! Dieser Horror wird ausgeblendet. Die Frage ist doch: Warum imaginieren wir uns als letzte Menschen? Warum sind diese Filme und Bücher so populär? Ganz offensichtlich drücken sie ein zwiespältiges Gefühl aus: Einerseits träumen wir davon, dass die Natur sich endlich vom Druck des Menschen regeneriert oder dass unsere dicht bevölkerten Städte einfach mal leer und ruhig wären. Andererseits fürchten wir einen Kollaps unserer Welt, den wir uns nicht einmal richtig konkret vorstellen können.

STANDARD: Aus welcher Zeitspanne stammen die von Ihnen untersuchen fiktionalen Zukunftsszenarien? 

Horn: Aus zwei Jahrhunderten, von der Romantik bis zur Gegenwart. Zwei Texte bilden eine Art historische Klammer: Lord Byrons Gedicht "Darkness" von 1816 und McCarthys "The Road" von 2006. In beiden gibt es ein ähnliches Szenario: Die Sonne verlöscht, es wird eisig und dunkel auf der Welt – und die Menschen fallen übereinander her. Ich habe mich gefragt, was diese Texte verbindet und was diese beiden Gedankenexperimente – die sich übrigens beide auf eine Klimakatastrophe beziehen – über den Menschen aussagen.

STANDARD: Ihre Studie behandelt auch die sich verändernden Vorstellungen von künftigen Katastrophen. Wie sehen diese Veränderungen aus?

Horn: Noch im 18. Jahrhundert hat man angesichts von Katastrophen entweder geglaubt, das Ende der Welt, wie die Johannes-Apokalypse es schildert, sei gekommen – oder man hat sich gefragt, warum Gott eine so fehlerhafte Schöpfung geschaffen hat. Ein Text von Jean Paul aus dem Jahr 1796 beginnt nun, Gott aus dem Weltende herauszunehmen: Er entwirft eine experimentelle Apokalypse, in der Gott fehlt. Das ist der Beginn einer modernen Vorstellung von Katastrophe: Gott spielt keine Rolle mehr. Wir sehen sie weder als Strafgericht noch als heilsgeschichtliches Ende aller Tage, in der über alle Lebenden und Toten gerichtet wird. Heute verstehen wir Katastrophen als säkulare Ereignisse, in denen der Mensch mit sich allein ist. Dieser Wandel passiert um 1800.

STANDARD: Spielen Naturkatastrophen oder Terroranschläge in der realen Welt in Bezug auf die Popularität apokalyptischer Fiktionen eine Rolle?

Horn: Ja, die beginnende Finanzkrise 2008 spielte sicher eine große Rolle, auch die Anschläge von 2001. Während nach dem 11. September alle auf den Terrorismus geschaut haben, hatten wir 2008 einen Systemzusammenbruch, auch wenn nicht alle gleichermaßen von ihm betroffen waren. Die Frage ist: Was, wenn sich solche Systemzusammenbrüche wiederholen? Und es wird ja nicht immer "nur" eine Finanzkrise sein. Was, wenn sich das Klima wirklich gravierend ändert? Wenn das Ökosystem der Meere nachhaltig gestört wird? Wenn unsere Energieressourcen erschöpft sind?

Im Kalten Krieg haben sich alle Ängste vor allem auf ein einziges Szenario konzentriert: die nukleare Apokalypse – ein klar definiertes Ereignis mit grauenhaften Folgen, das der Mensch selbst auslösen kann. Das heißt aber auch: Es ist eine Entscheidung – und man kann denjenigen, der den Schalter drücken soll, möglicherweise auch daran hindern. Heute ist es alles viel diffuser: Wir haben es mit einer endlosen Vielzahl kleiner und großer Krisenszenarien zu tun: Geht uns das Öl aus? Ist unsere Umwelt vergiftet? Steigt der Meeresspiegel weiter an? Was werden die lokalen und globalen Folgen des Klimawandels sein? Gibt es eine nächste Finanzkrise? Werden wir unsere Renten bekommen? Wir haben insgesamt das Gefühl einer diffusen Bedrohung.   

STANDARD:  Und diese Bedrohungen wollen viele als fiktionale Bilder klar vor sich sehen?

Horn: Genau. Das erklärt unsere aktuelle Faszination für Krisen und Katastrophenfiktionen. Sie beleuchten, was während und nach einer Katastrophe passieren könnte. Wir wollen schon wissen, wie es wäre, mittendrin zu stecken. Fiktionen ermöglichen uns eine Identifikation mit Opfern und Helden eines Desasters, das wir im richtigen Leben natürlich nicht erleben wollen! Wie fühlt es sich an, nie einen warmen Ort zu haben, nichts zu essen, nicht zu wissen, was man trinken soll? Bei Texten wie "The Road" ist das Unheimliche, dass sie so nah an unserer Realität sind – da gibt es nichts Übernatürliches. Das ist genau die Welt, in der wir leben – nur endgültig zerstört.

STANDARD:  Sie unterscheiden zwischen zwei Arten von Risiken: akzeptablen und inakzeptablen. Letztere müssen vermieden werden, um Katastrophen in der Zukunft zu verhindern. Wie wird diese Unterscheidung getroffen?

Horn: Anders als man glauben würde, ist das häufig eine sehr willkürliche Entscheidung. Wir akzeptieren beispielsweise derzeit gemütlich die Risiken des Klimawandels oder des Autoverkehrs. Aber auf der anderen Seite lasse ich vielleicht die Finger von einer bestimmten Wurstsorte, weil irgendein Stoff darin als möglicherweise krebserregend gilt. Die Willkür gilt sowohl für den Einzelnen als auch für die Politik. Fiktionen können uns dabei helfen, diese Willkür zu erkennen. Nach der Lektüre von McCarthy ist man sich womöglich nicht mehr so sicher, ob man den Klimawandel wegen eines bequemen Lebensstandards in Kauf nehmen sollte. 

STANDARD: Gab es einen Anstieg fiktionaler Katastrophenszenarien, die in der Zukunft verortet sind?

Horn: Ja. In der Zeit, in der ich das Buch geschrieben habe, zwischen 2009 und 2013. Diesen Anstieg gab es aber nicht nur in der Populärkultur. Neben Kinofilmen und Romanen gibt es aber auch Sachbücher und historische Bücher, die sich mit Katastrophenszenarien beschäftigen und sehr erfolgreich sind. Zum Beispiel Jared Daimond, ein Anthropologe, der historische Kollapsszenarien untersucht hat – in einem historischen Sachbuch über den Zusammenbruch von Kulturen, das ein Bestseller wurde. Es gibt das also auf allen Ebenen, in der Philosophie zum Beispiel bei Bruno Latour oder Peter Sloterdijk. Das ist also nicht nur eine populärkulturelle Stimmung. (Beate Hausbichler, DER STANDARD, 26.3.2014)

Eva Horn ist Kultur- und Literaturwissenschafterin und hat seit 2009 eine Professur am Institut für Germanistik inne. Ihre Forschungsschwerpunkte sind unter anderem Konzepte und Medialisierungen von Feindschaft in der Moderen, Narrativ und Verschwörung und Theorie des Staatsgeheimnisses.

  • Literaturwissenschafterin Eva Horn sieht einen Zusammenhang zwischen dem steigenden Interesse an Zukunftsszenarien und der aktuellen Bedrohung durch vielfältige Krisen.
    foto: heribert corn

    Literaturwissenschafterin Eva Horn sieht einen Zusammenhang zwischen dem steigenden Interesse an Zukunftsszenarien und der aktuellen Bedrohung durch vielfältige Krisen.

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