Shoppen für eine bessere Welt

26. März 2014, 18:03
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Grazer Innovationsforscher entwickeln Indikatoren für umwelt- und sozialverträgliche Wertschöpfungsketten

Graz - "Shopping for a better world" - die bequemste Form der Weltverbesserung durch kritisches Kaufverhalten findet immer mehr Anhänger. Eine wachsende Zahl entsprechender Websites und Bücher informieren Konsumenten über umwelt- und sozialverträgliche Produkte und bewerten die ethische Performance von Unternehmen. Steckt in der Schokolade vielleicht Kinderarbeit? Wie ist es um die Schadstoffemission bei der Herstellung dieses Handys bestellt? Unterstützt man durch den Kauf jenes Autos frauenfeindliche Strukturen?

In vielen Fällen sind derlei Fragen aufgrund unübersichtlicher Lieferantennetzwerke jedoch kaum zu beantworten. "Insbesondere in der Elektro- und Autoindustrie bleiben die Produktwege verschleiert, weil große Konzerne nur mehr einen Bruchteil der Endware selbst herstellen", erläutert Rupert Baumgartner vom Institut für Systemwissenschaften, Innovations- und Nachhaltigkeitsforschung der Universität Graz. Da ökologische und soziale Nachhaltigkeit heute ein wirksames und häufig eingesetztes Marketingargument ist, sollten die großen Firmen auch über die Zustände bei ihren Lieferanten Bescheid wissen, meint Baumgartner. "Anders als für technische und rechtliche Daten gibt es für ökologische und soziale Kriterien jedoch noch kein klar definiertes internationales Bewertungsgerüst."

Im Rahmen des EU-Projekts SustainHub arbeiten Forscher deshalb an einer EDV-Plattform, auf der entsprechende Daten entlang globaler Wertschöpfungsketten ausgetauscht werden können. Auf diese Weise sollen Unternehmen in die Lage versetzt werden, sich über soziale und ökologische Aspekte der Produktionsbedingungen ihrer Lieferanten, die oft aus Entwicklungs- oder Schwellenländern kommen, zu informieren. Aber wer soll diese Informationen ermitteln?

"Im Grunde sollte sie jedes Unternehmen selbst, von den ganz großen bis zu den kleinen Zulieferern, auf diese Plattform stellen", so Projektmitarbeiter Josef Schöggl. Um zu überprüfen, ob die eingegebenen Informationen auch zutreffend und plausibel sind, wurde eine spezielle Kontrollsoftware ins System integriert. Während die technische Umsetzung der Plattform von einer deutschen IT-Firma durchgeführt wird, haben die Grazer Forscher eine Liste von mittlerweile 70 Nachhaltigkeitsindikatoren erarbeitet.

Kinderarbeit bis Korruption

Die relevanten Themen haben sie aus unzähligen Richtlinien, Normen, Nachhaltigkeitsberichten, Dokumenten der internationalen Arbeitsorganisationen und Gesprächen mit diversen NGOs herausgefiltert. Als besonders wichtige Parameter wurden etwa Kinderarbeit, gleiche Bezahlung für Frauen und Männer, die Teilhabe der Arbeitnehmer an Entscheidungsprozessen, das Recht auf gewerkschaftliche Organisation, Korruptionsfälle oder der Beitrag einer Firma zur lokalen Entwicklung festgemacht.

"Allerdings werden solche Daten bislang noch kaum erhoben", betont Morgane Fritz, die an der Erstellung der Indikatorenliste mitgearbeitet hat. "Da ist bei den Unternehmen noch viel Bewusstseinsarbeit zu leisten." Letztlich aber werde die Forderung nach sozial verträglichen Produkten von der Konsumentenseite immer stärker, sodass vor allem die großen Unternehmen unter einem gewissen Informationsdruck stehen, den sie auch auf ihre Zulieferer weiterleiten werden.

"Im technischen Bereich gibt es einen solchen Datenaustausch etwa über gefährliche Inhaltsstoffe oder Materialqualitäten schon lange, bei den ökologischen und vor allem sozialen Daten sind wir erst am Anfang", sagt Baumgartner. Nachdem die zentralen Themen identifiziert waren, haben sie die Forscher schließlich in messbare Indikatoren überführt.

Mit dem demnächst fertiggestellten Prototyp können zurzeit erst maximal fünf Kennzahlen erhoben werden: Energiebedarf, CO2-Emissionen, verbotene Stoffe, Frauenanteil in Führungspositionen und Korruption. "Da es sich um ein flexibles System handelt, wird sich die Zahl der Indikatoren aber laufend erhöhen, außerdem kann man es problemlos an neue Richtlinien und Verordnungen anpassen." (Doris Griesser, DER STANDARD, 26.3.2014)

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