Der edle Genpool der Lipizzaner

26. März 2014, 11:42
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Sie sind die älteste Kulturpferderasse Europas - In Wien arbeiten Genetiker und Tierzüchter daran, die am besten erforschte Pferderasse noch genauer zu durchleuchten

Wien - Das österreichische Paradepferd ist ein barocker Typ. Der Ursprung der Lipizzaner geht auf das Jahr 1580 zurück: Damals gründete Erzherzog Karl II. im karstigen Gelände nahe Lipica im heutigen Slowenien mit neun andalusischen Hengsten und 24 Stuten ein Gestüt, dessen Pferde in der Folge bei Hof sehr geschätzt wurden. Im Laufe der Jahrhunderte wurden weitere Tiere eingekreuzt, darunter sowohl Araber als auch dänische und italienische Exemplare. Die heutigen reinrassigen Lipizzaner gehen alle auf einen von acht Hengsten zurück, auch gibt es nur 15 klassische Stutenfamilien. Das Ziel ihrer Zucht ist die Erhaltung eines als optimal betrachteten Typs - sowohl was Aussehen und Bewegung betrifft als auch innere Werte, wie ihre große Gelehrigkeit, Ausdauer und Gutmütigkeit.

Um negative Inzuchteffekte zu vermeiden, dürfen nur einwandfreie Tiere zur Zucht verwendet werden. Viktoria Dobretsberger konnte in ihrer Diplomarbeit am Institut für Tierzucht und Genetik der Veterinärmedizinischen Universität Wien zeigen, dass das Gestüt Piber auf diesem Sektor sehr gut unterwegs ist: Sie untersuchte die Daten von 142 Zuchtstuten, die von 2002 bis 2011 mehr als 500-mal gedeckt wurden. Das erbrachte durchschnittlich in 82 Prozent der Fälle ein Fohlen; nur 14 Prozent der Stuten wurden trotz erfolgter Paarung nicht trächtig (der Rest entfällt auf Fehlgeburten). Zum Vergleich: Bei englischen und australischen Vollblutpferden liegt die Geburtenrate nur bei 54, in Schweden und Neuseeland bei ca. 80 Prozent.

Das Genom von Twilight

Die genetische Ausstattung der Lipizzaner steht auch im Mittelpunkt der Forschungen Barbara Wallners, ebenfalls vom Institut für Tierzucht und Genetik. 2009 wurde erstmals das gesamte Erbgut eines Pferdes, der Englischen Vollblutstute Twilight, entschlüsselt, es wurde also die genaue Abfolge der 2,7 Milliarden Basenpaare, aus denen es besteht, bestimmt. Wallners Arbeitsgruppe sequenzierte kürzlich das Genom von vier Lipizzanern und verglich es mit dem Twilights.

Ein solcher Abgleich ermöglicht unter anderem festzustellen, ob die sequenzierten Tiere Träger einer Erbkrankheit sind. Weltweit liegen derzeit die vollständigen Gendaten von zehn Pferden vor. Wallners Gruppe ist die erste, die eine ganze Familie entschlüsselt hat, nämlich Vater Conversano Sessana, Mutter Mahonia und Sohn Conversano Mahonia, das vierte Tier ist der nicht mit ihnen verwandte Hengst Favory Raluca. Wie sich dabei zeigte, tragen alle vier Lipizzaner an einem Genort eine Verdoppelung, die zu frühzeitigem Ergrauen führt - bekanntlich werden sie ja erst im Erwachsenenalter zu Schimmeln.

In einem gesonderten Projekt widmet sich Wallners Gruppe jenen Gensequenzen, die nur der Sohn der Familie aufweist. Da diese bei beiden Eltern fehlen, muss es sich um spontane Änderungen handeln. Untersucht werden sollen unter anderem deren Häufigkeit und Lokalisation sowie weiters, ob sie eher auf vom Vater oder von der Mutter erhaltenem Erbgut auftreten. Damit beschreiten Wallner und ihre Mitarbeiter tierisches Neuland: Daten zu dieser Fragestellung gibt es bislang nur vom Menschen. "Wir können damit auch schauen, ob sich die Veränderung des Pferde-Genoms gleich schnell vollzieht wie bei uns", sagt Wallner.

Zusätzlich interessiert sich Wallners Team auch für das nur bei den Hengsten vorliegende Y-Chromosom, das bei Pferden allgemein sehr geringe Variabilität aufweist. Das sonst zum Vergleich herangezogene Genmaterial der Stute Twilight kann für diese Zwecke freilich nicht verwendet werden. Dieses Problem hat Wallners Gruppe aus der Welt geschafft, indem sie eine eigene Referenz-Sequenz für das Y-Chromosom gebildet hat. Anhand seiner Veränderungen sollen die Hengstlinien der Lipizzaner eindeutig voneinander abgegrenzt werden, was auch einen verbesserten Einblick in die Herkunft und Geschichte der Gründerhengste der Rasse erlauben soll. Im Lauf der Zeit sollen alle Linien der "weißen Pferde" diesbezüglich erfasst werden.

Mit den Mitteln der Genetik arbeitet auch Thomas Druml vom Institut für Tierzucht und Genetik, allerdings an einer objektiven und reproduzierbaren Merkmalserfassung. Er sucht nach Methoden, die "phänotypische Kluft" zu verringern, also den Umstand, dass Pferde zwar mehr als 20.000 Gene haben, sich aber äußerlich - also phänotypisch - nur in wenigen Parametern unterscheiden.

Schwierige Partnerwahl

Dieses Auseinanderklaffen macht es sehr schwierig, bestimmte Merkmale genetisch zu verorten. Vor allem in der Pferdezucht wäre das jedoch wünschenswert: Im Unterschied zur kommerziellen Tierzucht, in der relativ einfache Ziele wie hohe Milchmenge oder rasche Gewichtszunahme erreicht werden sollen, geht es bei den Pferden um komplexere Merkmale. Das gilt, wie Druml ausführte, für die Lipizzaner umso mehr: "Die Gestützucht zielt auf optimale Merkmale ab und ist daher sehr langsam - im Unterschied zur kommerziellen Zucht, bei der es um Leistungen geht."

Gleichzeitig haben die meisten Pferderassen - so auch die Lipizzaner - so kleine Bestandszahlen, dass ihr Genpool stark eingeschränkt ist. Will man unter diesen Umständen sicherstellen, dass die spezifischen Eigenschaften einer Rasse erhalten bleiben, braucht man viel Fingerspitzengefühl bei der Auswahl der jeweiligen Paarungspartner.

Der vielgerühmte und auf langjähriger Erfahrung beruhende "Züchterblick" steht dafür nicht immer zur Verfügung, deshalb gibt es seit mehr als 100 Jahren Bestrebungen, die Beurteilung von Pferden mittels technischer Hilfsmittel zu verbessern. So begann man bereits um 1900 damit, die Tiere in einer bestimmten Pose zu fotografieren und anhand dieser Bilder diverse Vermessungen vorzunehmen, die Aufschluss über erwünschte Merkmale geben sollten - eine Technik, die teilweise noch heute im Einsatz ist.

Auch bei den Arbeiten von Drumls Forschungsgruppe bilden Fotos bzw. Bewegungsvideos der Pferde die Basis, allerdings für Hightech-Untersuchungen: Mittels hochkomplexer Bild- und Videoauswertungsmethoden, die aus der Überwachungs- und Medizintechnik stammen, werden sie auf Körper- und Bewegungsmerkmale der einzelnen Tiere analysiert. Gleichzeitig sollen hochdetaillierte Genkarten erstellt und - gemeinsam mit der Beurteilung durch Bereiter und Züchter - mit den Bilddaten kombiniert werden.

Daraus soll letztendlich ein "genomischer Selektionsansatz" entwickelt werden, der es ermöglicht, bestimmte Rassenmerkmale trotz des beschränkten Genpools der Pferde zu erzielen bzw. zu erhalten - auf dass die Lipizzaner unverändert schön und klug bleiben. (Susanne Strnadl, DER STANDARD, 26.03.2014)

  • Wenn der Züchterblick nicht ausreicht: Genom-Analysen sollen Einblick in die Familiengeschichte der "weißen Pferde" geben und ihre Schönheit erhalten.
    foto: apa/hans klaus techt

    Wenn der Züchterblick nicht ausreicht: Genom-Analysen sollen Einblick in die Familiengeschichte der "weißen Pferde" geben und ihre Schönheit erhalten.

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