Liessmann: Aufs Rad mit den Fahrschülern

25. März 2014, 18:22
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Der Philosoph plädiert für einen Tag auf dem Fahrrad bei der Führerschein-Ausbildung - nicht nötig, heißt es vom Obmann der Fahrschulen

"Ich selbst bin Radfahrer, Fußgänger und Autofahrer. Ich merke, dass ich im Auto bestimmte Dinge ganz anders wahrnehme als auf dem Fahrrad", sagt der Philosoph Konrad Paul Liessmann. In einem Ö1-Interview regte er an, dass Auto-Fahrschüler im Rahmen der Führerscheinausbildung einen Tag lang auf einem Rad auf einer stark befahrenen Straße unterwegs sein sollten, um auch die andere Perspektive kennenzulernen.

 Mehr Rücksicht nötig? 

"Es wäre gut zu lernen, wie man sich bei der Begegnung mit Radfahrern korrekt verhielte", so Liessmann im Gespräch mit derStandard.at. Man müsse das Autofahren schließlich nicht nur so sehen, dass man Fahrzeug und Verkehrsregeln beherrscht, sondern auch die Kommunikation mit anderen Verkehrsteilnehmern lernen.

Wenig abgewinnen kann diesem Vorschlag Herbert Wiedermann, Obmann des Fachverbands der Fahrschulen der Wirtschaftskammer und selbst Fahrlehrer in Wien. "Im Hinblick auf mehr Rücksicht für Radfahrer ist schon sehr viel passiert - ich denke, das reicht aus", so Wiedermann.

Freizeiterfahrungen reichen aus

So werde etwa jedem Fahrschüler gelehrt, beim Überholen mindestens eineinhalb Meter Seitenabstand, beim Fahren hinter ihm mindestens zwei Sekunden Abstand zum Radfahrer einzuhalten. Auch die Blicktechnik beim Rechtsabbiegen und speziell bei Radfahrerüberfahrten werde genauestens geübt. Und laut Wiedermann seien seine Fahrschüler ohnehin privat auf dem Fahrrad unterwegs.

Liessmanns Vorschlag hält er für "übertrieben". "Dann könnte man den Schülern genauso sagen, sie müssten einen Tag auf dem Motorrad oder auf dem Lkw unterwegs sein, um deren Lage kennenzulernen, denn da gibt es ja auch immer wieder Probleme", so Wiedermann. Er plädiert für mehr Rücksicht generell - in beiden Richtungen -, dann gäbe es weniger Unfälle und kritische Situationen.

Radverkehr besser einfließen lassen

Laut Liessmann sollte man außerdem überlegen, wie der Radverkehr mit der höchsten Sicherheit in den allgemeinen Fließverkehr einbauen werden könnte. Am leichtesten ginge das in verkehrsberuhigten Zonen mit Tempo 30 oder noch besser 20, so Liessmann: "Die allgemeine Bewegungsgeschwindigkeit in der Stadt nimmt dadurch nicht einmal dramatisch ab, denn auch wenn man theoretisch 50 Stundenkilometer fahren kann, kommt man meist nicht schneller voran." 

Auch mit den Radwegen in Wien ist er alles andere als glücklich: "Als Radfahrer ist man meist eingezwängt auf einem wenige Zentimeter breiten Fahrstreifen, hat rechts parkende Autos und die ständige Angst, eine Tür reingeknallt zu bekommen. Links von einem sind Autofahrer, die den Radweg ignorieren. Es ist wirklich kein Spaß." Es möge schon sein, dass Wien seine geografischen Besonderheiten hat, aber dennoch müssten Radwege so angelegt sein, dass sie breit genug sind.

In vielen anderen Städten funktioniere das um Welten besser. "In den Niederlanden gab es schon vor Jahrzehnten eigene Fahrradstraßen, als in Österreich noch gar keine Rede von Radwegen war", sagt Liessmann. Dort gebe es Vorrangregelungen für Radfahrer, die für ein "ganz anderes und sichereres Fahrgefühl" als etwa in Wien sorgen.

Shared Space "keine Revolution"

Er wundert sich auch, wie weit hinten man hierzulande bei der Integration von Radfahrern in den Verkehr noch sei. "Man tut in Wien so, als wäre das so eine große Revolution, dabei gibt es das 'Shared-Space-Modell' schon überall", sagt Liessmann. Es wäre ein praktikables Konzept, um alle Verkehrsteilnehmer gleichermaßen einbinden zu können. Natürlich müsse das Ziel von Straßen sein, sich darauf auch bewegen zu können. "Straßen sind nicht Orte zum Spielen und Wohnen, sondern Orte des Bewegens", so Liessmann.

Generell sei die Einstellung der Autofahrer gegenüber Radfahrern schlecht. "Österreich ist ein sehr autofixiertes Land. Das Rad hat sehr lange als minderwertiges Verkehrsmittel gegolten, sein Image bessert sich nur langsam", sagt Liessmann.

In anderen Ländern sei das anders: Etwa im Radsport-begeisterten Italien, wo man sich laut Liessmann trotz des starken Verkehrs sicher fühlt. "Dort haben die Radfahrer einen ganz anderen Stellenwert. Man hat das Gefühl, dass man respektiert wird. In Österreich hingegen wird man, wenn es hochkommt, bestenfalls geduldet." (Florian Bayer, derStandard.at, 25.3.2014)

Konrad Paul Liessmann ist Professor für Philosophie an der Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaft der Universität Wien. Zuletzt erschienen "Lob der Grenze. Kritik der politischen Unterscheidungskraft" (2012) und eine Neuauflage der "Philosophie der modernen Kunst" (2013).

  • "Österreich ist ein sehr autofixiertes Land. Das Rad hat sehr lange als minderwertiges Verkehrsmittel gegolten, sein Image bessert sich nur langsam", sagt der Philosoph Konrad Paul Liessmann, selbst begeisterter Rennradfahrer.
    foto: apa/hochmuth

    "Österreich ist ein sehr autofixiertes Land. Das Rad hat sehr lange als minderwertiges Verkehrsmittel gegolten, sein Image bessert sich nur langsam", sagt der Philosoph Konrad Paul Liessmann, selbst begeisterter Rennradfahrer.

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