Pyrrhus-Sieg Putins

Kolumne24. März 2014, 18:23
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Putins Kurs zerstört das Vertrauen der Auslandsinvestoren und verschlechtert die Aussichten für sein Land

Präsident Wladimir Putin wird im Konflikt um die Krim nicht nur im eigenen Land als Sieger betrachtet. Sein auf Hochtouren laufender Medienapparat hat die Propagandaschlacht gewonnen. Die schwache ukrainische Regierung wird in breiten Schichten der liberalen Öffentlichkeit durch die Übergriffe von den Vertretern der rechtsextremen, nationalistischen Koalitionspartei (Swoboda) diskreditiert.

Zugleich bekundet eine verblüffende Koalition, die von der Vizevorsitzenden der "Linken" und dem ehemaligen SPD-Bürgermeister von Hamburg bis zum FPÖ-Obmann und rechtsradikalen Jobbik-Abgeordneten in Ungarn reicht, Verständnis und Sympathie für das aggressive Vorgehen Russlands auf der Krim. Der Leitartikler der liberalen Zeit freut sich über die Sanktionen, die den russischen Expansionsdrang eindämmen sollen: "Putin hat etwas Erstaunliches geschafft: Er hat den Westen in der Sanktionsfrage vereint, einschließlich der zögerlichen Deutschen." Ob und wie lange freilich dieser Weckruf wirken wird, muss angesichts der massiven Interessen der westlichen Geschäftswelt und der Abhängigkeit vom russischen Gas und Erdöl offenbleiben.

Im Gegensatz zu jenen im Westen, die aus welchem Grund auch immer der Gewaltpolitik Putins mit Hinweis auf angebliche Provokationen der Nato oder der EU eine gewisse Legitimität zugestehen würden, lehnen die vielgeprüften Opfer Stalins imperialer Herrschaft, vor allem die Polen und die Letten, die Litauer und die Esten, die Moldawier und Georgier, die Wiederherstellung des "historischen Russland" unter dem Deckmantel einer "Eurasischen Union" lautstark und vorbehaltlos ab.

Westliche, aber auch maßgebliche russische Beobachter weisen bereits jetzt auf die wirtschaftlichen und finanziellen Folgen der Konfrontationspolitik hin. Die gigantischen Investitionen für die Olympischen Spiele in Sotschi betragen knapp zwei Prozent des jährlichen Bruttoinlandproduktes (BIP), dürften jedoch wohl nur geringe wirtschaftliche Früchte tragen. Die Moskauer Zeitung Vedomosti rechnet mit zwei Milliarden Euro Zusatzkosten pro Jahr in der Folge der Annexion der Krim. Statt der begehrten Auslandsinvestitionen sind seit Jahresbeginn netto 50 Milliarden Dollar an privatem Kapital aus Russland ins Ausland transferiert worden, doppelt so viel wie im ersten Quartal 2013. Laut einem Bericht der Welt könnte die Kapitalflucht im ersten Quartal sogar 70 Milliarden Dollar betragen. Seit Jahresanfang wurden auf der Moskauer Börse rund 180 Milliarden Dollar an Werten vernichtet. Das entspricht fast einem Drittel der Marktkapitalisierung und macht rund zehn Prozent des BIPs aus. Wenn man noch den Schaden durch den Rubelverfall von zehn Prozent dazurechnet, belaufen sich die Kosten des Finanzkrieges laut der Welt auf umgerechnet 400 Milliarden Dollar!

Putins Kurs zerstört das Vertrauen der Auslandsinvestoren und verschlechtert die Aussichten für sein Land, das 2013 bloß 12,7 Prozent der amerikanischen Wirtschaftsleistung erreichte und dessen BIP pro Kopf nicht einmal ein Drittel des amerikanischen ausmacht. Sein Triumph auf der Krim dürfte sich früher als erwartet als ein Pyrrhussieg, ein viel zu teuer erkaufter, politisch-militärischer Erfolg für sein armes Land entpuppen. (Paul Lendvai, DER STANDARD, 25.3.2014)

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