Lieber Russen- als Schiefergas

25. März 2014, 05:30
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Europa bleibt noch länger von russischem Gas abhängig. Die Industrie verlangt eine Strategie für umstrittenes Schiefergas

Wien/Brüssel - Es sind vor allem Industrieunternehmen von der Voestalpine abwärts, die sich in Erwartung sinkender Gaspreise für das umstrittene Fracking in Europa starkmachen. In den USA wurde mittels Hydraulic Fracturing, so die wissenschaftliche Bezeichnung für das hydraulische Aufbrechen von Schiefergestein, eine Reindustrialisierungswelle angestoßen. Grund: billigste und im Übermaß verfügbare Energie. Die Nutzung dieser unkonventionellen Gasvorräte wünschen sich Industrieverbände auch diesseits des Atlantiks.

Sie spüren Rückenwind, weil in Europa die Diskussion um eine Verringerung der Abhängigkeit von russischen Gaslieferungen im Windschatten des Gezerres um die Halbinsel Krim zugenommen hat. Und in dem Zusammenhang wird wieder häufiger Fracking genannt. Dass sich das US-Modell aber 1:1 auf Europa übertragen lässt, darf bezweifelt werden. Selbst der Chef der Rohöl-Aufsuchungsgesellschaft RAG, Markus Mitteregger, ist skeptisch. "Das Potenzial ist schwer einschätzbar, die Förderung von Schiefergas angesichts des derzeitigen Preisniveaus in Europa ist wirtschaftlich nicht darstellbar," sagte Mitteregger dem STANDARD.

Vorkommen unklar

Die RAG, die zu mehr als 50 Prozent der EVN gehört (Eon Ruhrgas hält knapp 30 Prozent, Steirische Gas Wärme und Salzburg AG je zehn Prozent), bohrt seit 2009 in Polen nach Schiefergas. "Wir überlegen, ob wir uns nicht zurückziehen," sagte Mitteregger. "Das rechnet sich nicht."

Das Potenzial an Schiefergas in Europa sei schwer einschätzbar, "alle genannten Zahlen basieren nur auf Annahmen und müssten durch Bohrungen verifiziert werden," sagte Mitteregger. Auch sind die Umweltauflagen in Europa strikter als in den USA.

Die OMV, die im Weinviertel nach Schiefergas bohren wollte, sah sich mit heftigen Protesten konfrontiert. "Gegen den Widerstand der Bevölkerung machen wir nichts, das Projekt ist seit Sommer 2012 vom Tisch", sagte ein OMV-Sprecher. Selbst Stephan Schwarzer von der Wirtschaftskammer meint, dass Informationen über Vorkommen und Wirtschaftlichkeit der Förderung fehlten. Anders sieht das Peter Koren, stellvertretender Generalsekretär der Industriellenvereinigung, der für eine "nationale und europäische Strategie für Schiefergas" plädiert. Gemeinsam mit der Gewerkschaft habe man den Wunsch in einem Brief an den Bundeskanzler deponiert. Zudem spricht sich Koren für Forschungsanstrengungen zur Ökologisierung der Schiefergasproduktion aus: "Bio-Fracking hätte sicher große Exportchancen."

Auch auf EU-Ebene verfolgt man die uneinheitliche Vorgangsweise in Europa mit Argusaugen. Man sollte sich zumindest die Schiefergastechnik als Option freihalten, um im Krisenfall gerüstet zu sein, meint Energiekommissar Günther Oettinger. Er spricht sich für Referenzanlagen mit höchsten Umweltstandards aus, in denen die Methode zur Gewinnung der "sehr wertvollen Energiereserve" getestet werden soll. Dann könnte sich die Bevölkerung ein Urteil bilden. Oettinger zum STANDARD: "Wir sollten das Thema Fracking nicht vorschnell unseren Vorurteilen opfern." (Günther Strobl, Andreas Schnauder, DER STANDARD, 25.3.2014)

  • Fracking ist in Europa verpönt. Selbst der Wunsch von EU-Kommissar Oettinger, Referenzanlagen mit hohen Umweltstandards zu forcieren, ruft regelmäßig heftige Proteste hervor.
    foto: ap/mayo

    Fracking ist in Europa verpönt. Selbst der Wunsch von EU-Kommissar Oettinger, Referenzanlagen mit hohen Umweltstandards zu forcieren, ruft regelmäßig heftige Proteste hervor.

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