Spielend das Leben meistern lernen

8. April 2014, 17:00
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Psychotherapie hilft Kindern, mit Problemen zurechtzukommen. Das wirkt sich positiv auf die Gesundheit aus. Allein: Die Gesundheitspolitik sieht das anders. Therapieplätze sind Mangelware

Das Leben läuft nicht immer optimal. Wenn Krisen über Familien hereinbrechen, Eltern sich trennen, ihre Jobs verlieren oder plötzlich mit Krankheit konfrontiert sind, braucht es Resilienz. So bezeichnen Psychologen die Widerstandskraft, die Menschen hilft, mit misslichen Situationen zurechtzukommen.

Doch Resilienz ist nur zu einem gewissen Grad angeboren, vielmehr wird die Fähigkeit, mit schwierigen Bedingungen umgehen zu lernen, in der Kindheit und Jugend erst geprägt. "Je kleiner die Kinder, umso mehr werden psychische Probleme über körperliche Beschwerden ausgetragen", sagt Georg Sojka, ärztlicher Leiter des Instituts für Erziehungshilfe mit fünf Standorten in Wien. Dorthin können Familien in Krisensituationen zur psychotherapeutischen Erstberatung kommen.

Allein: Wenn sich aus dieser ersten Besprechung, bei der idealerweise die gesamte Familie anwesend ist, ein Bedarf für Therapie ergibt, muss Sojka die Hilfesuchenden vertrösten. Vollfinanzierte Plätze sind rar, die Wartezeit beträgt aktuell über ein Jahr. Bei teilfinanzierter Therapie sieht es ein bisschen besser aus. Wenn Familien 40 Euro pro Sitzung selbst aufbringen können, schießt der Staat 20 Euro dazu. Wartezeit: drei bis vier Monate. "Gerade Kinder aus sozioökonomisch belasteten Familien, die Therapie dringend benötigen, wird damit akut die Unterstützung versagt", kann Sojka aus Erfahrung berichten. Zwei Drittel aller Familien muss er derzeit abweisen.

"Dabei ist rasche Hilfe im Kindesalter zur Vermeidung von Folgeschäden erwiesenermaßen entscheidend", gibt ihm seine Kollegin Sonja Gobara, Leiterin des Ambulatoriums Sonnenschein in St. Pölten, recht. Im Rahmen des von Ärzten und Therapeuten gegründeten Vereins "Politische Kindermedizin" kämpft sie für mehr Therapieplätze in Österreich. Laut deren Schätzungen wären 45.000 bis 48.000 Plätze notwendig. Gesundheitsminister Alois Stöger hat seine Unterstützung versprochen. "Doch bei unseren jungen Patienten auf den Wartelisten ist noch keine Hilfe angekommen", sagt Gobara.

Emotional unterstützen

Psychotherapie für Kinder ist eine überaus komplexe Angelegenheit. "Kinder sagen ja nie, sie haben Angst. Sie drücken ihr diffuses Unwohlsein sehr oft über Verhaltensauffälligkeiten aus", sagt Sojka, der beim Erstgespräch die Anwesenheit der Eltern als entscheidend empfindet. Eltern seien als unmittelbare Beziehungspersonen der Kinder oft Symptomträger und müssten nicht selten mitbehandelt werden, stelle sich im Erstgespräch oft heraus. Das klingt logisch, kann jedoch von Österreichs Krankenkassen rein abrechnungstechnisch nicht möglich gemacht werden.

Von ärztlicher Seite geht es in vielen Fällen um ein zentrales Ziel: "Was braucht ein Kind, damit es mit bestehenden Schwierigkeiten zurechtkommen kann, bzw. welche Eigenschaften fehlen einem Kind, um bestehende Konflikte bewältigen zu können?", bringt es Sojka auf den Punkt. Probleme, die man im Institut für Erziehungshilfe häufig sieht, sind Loyalitätskonflikte, in die Kinder bei der Trennung der Eltern kommen, auch die Autonomieproblematik ist für Kinder ein Problem, etwa dann, wenn sie sich von Vater und Mutter getrennt allein behaupten müssen. Gemeinsam mit dem Kind versuchen Psychotherapeuten Fähigkeiten und Strategien zu entwickeln, mit belastenden Situationen besser umgehen zu lernen.

Rollenspiele

Je jünger ein Kind, umso wichtiger ist es, Konflikten spielerisch auf den Grund zu gehen - etwa durch die symbolische Darstellung in Rollenspielen. Je älter ein Kind, umso mehr spielt die Sprache eine entscheidende Rolle. Mentalisierung von Problemen nennt es Sojka. Sobald sich ein Kind verbal gut ausdrücken kann, ist es eines der Ziele von Psychotherapie, die Grundlagen für emotional logisches Denken zu verankern.

Wie lange das dauert? "Selten ist es mit zehn Sitzungen vorbei", sagt Psychotherapeutin Sonja Gobara aus jahrelanger Erfahrung und grenzt ihre Berufsgruppe von Physiotherapie und Ergotherapie ab, die aus Sicht des Gesundheitssystems allerdings ins selbe Abrechnungsschema fallen. Im Durchschnitt dauert eine Psychotherapie ein bis zwei Jahre; je länger ein psychisches Problem besteht, umso länger dauert es auch, es wieder loszuwerden.

Besondere Sorgen bereiten Gobara Kinder und Jugendliche von psychisch kranken Eltern, die auf sich allein gestellt zurechtkommen müssen. "Das sind jene, die mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit später als Erwachsene ebenfalls psychisch erkranken", zitiert sie Studien. Als Therapeutin sei es für sie entscheidend, Kindern und Jugendlichen zu vermitteln, dass die Methode der Psychotherapie ein guter Weg ist, mit schwierigen Situationen fertigzuwerden. Wer das verinnerlicht, hätte langfristig viel bessere Chancen, gesund zu bleiben - "und im Sozialsystem keine Kosten zu verursachen, wenn sie es gesundheitspolitisch ausdrücken wollen", bekräftigt Gobara.

Finanzierungsproblem

Auch Georg Sojka in Wien machen die einkommensschwachen Familien am meisten Sorgen. "Sie bräuchten Hilfe am notwendigsten, sind aber die, die sie nur in den seltensten Fällen in Anspruch nehmen, weil sie keinen Zugang haben", beklagt er. Dabei sei Psychotherapie gerade bei Kindern ein hoch erfolgreiches Werkzeug, das Lern-, Leistungs- und Beziehungsfähigkeit steigert und in missliche Situationen Hilfe bietet.

Sojka kooperiert mit dem Jugendamt und begrüßt, dass die Wiener Gebietskrankenkasse seit kurzem eine Datenbank betreibt, in der sich Therapie suchende Familien eintragen können. So wird auch der aktuelle Bedarf erhoben. Derzeit bräuchten ihn 45.000 bis 48.000 Kinder und Jugendliche. Dringend. Sie haben es nicht leicht. Nur ein kleiner Prozentsatz hat das Glück zu erfahren, wie sich Unterstützung von außen anfühlt - und wo man sie sich holen kann. (Karin Pollack, Family, DER STANDARD, 8.4.2014)

Wohin sich Hilfesuchende wenden können:

erziehungshilfe.org - Institut für Erziehungshilfe in Wien bietet Erstberatung und Vermittlung von Therapieplätzen.

ambulatorium-sonnenschein.at - Ambulatorium Sonnenschein ist der Name der Anlaufstelle für Therapiesuchende in St. Pölten.

polk.org - Der Verein Politische Kindermedizin setzt sich für Kinder- und Jugendgesundheit in Österreich ein - auch im Parlament.

gesundheit.gv.at - Offizielles Gesundheitsportal. Unter "Kinder und Jugendlichen" und "Frühe Hilfen" findet man nützliche Adressen.

Buchtipps:

Elisabeth Brainin, Gerald Kral: Das Kind als Mittelpunkt psychotherapeutischen Denkens, Picus 1998.

Barbara Burian-Langegger: Spielräume - Entwicklungsräume. 60 Jahre Institut für Erziehungshilfe, 2009.

Erik Erikson: Kindheit und Gesellschaft, Klett-Cotta 1992.

Gertraud Diem-Wille: Das Kleinkind und seine Eltern, Kohlhammer 2003.

  • Kinder in Konfliktsituationen drücken ihr Unwohlsein meist durch auffälliges Verhalten aus. Oft müssen Eltern mittherapiert werden.

    Kinder in Konfliktsituationen drücken ihr Unwohlsein meist durch auffälliges Verhalten aus. Oft müssen Eltern mittherapiert werden.

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