Computer spielen: Baby vorm Display

3. April 2014, 05:30
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Tablets machen Videospiele auch für die Kleinen erfahrbar. Babys vorm iPad sind aber nicht das Problem - am Smartphone hängende Eltern schon

Ein herkömmlicher Kindersitz muss so einiges können, um den Ansprüchen junger Eltern zu genügen: Bequem soll er sein, verstellbar und möglichst stabil. Ein umgerechnet 60 Euro teures Produkt der Marke Fisher-Price, das vergangenen Dezember in den USA auf den Markt kam, kann dabei noch viel mehr: den Wunschtraum eines jeden gestressten Elternteils erfüllen.

Wie automatisch sorgt der Sitz dafür, dass schreiende Babys Ruhe geben. Ganz gleich ob beim Supermarkteinkauf, während der Autobahnfahrt oder beim Entspannen zu Hause. Denn das Neugeborene füttert derweil Ziegen im Streichelzoo. Manchmal schaut es auch einfach bloß auf bunte, rotierende Sterne. Oder es rät vor verschlossenen Scheunentoren, welche Tiere sich dahinter verstecken - besagter Kindersitz kommt nämlich mit einer integrierten iPad-Halterung daher, in Handreichweite vor dem darin liegenden Baby montiert.

Nie länger als 15 Minuten

Eine zeitgemäße Kinderbetreuung, sagen die Hersteller. Erboste Eltern halten es schlicht für den Anfang vom Ende. So forderte eine Bostoner Kinderrechtsgruppe den Spielzeughersteller dazu auf, sein Produkt umgehend vom Markt zu nehmen. Und nach mehr als 100 Beschwerden erboster Eltern sah sich Fisher-Price zu einer offiziellen Stellungnahme genötigt. Smartphones und Tablets seien nun einmal Teil unseres Alltags, hieß es darin, und immer mehr Eltern würden sich fragen, wann sie diese in die Entwicklung ihres Kindes integrieren sollten.

Das ist noch vorsichtig formuliert. Betrachtet man das digitale Nutzungsverhalten von Kleinkindern, wird für viele die Frage nach dem Wann schon bald obsolet. Es geht nur mehr um die Regulierung des Ausmaßes.

Schon heute haben in den USA laut einer aktuellen Studie der Family Advocacy Organization mehr als ein Drittel aller unter Zweijährigen ein mobiles Endgerät wie Smartphone oder Tablet benutzt. Der heimische Nachwuchs scheint bei diesem Trend nicht großartig hinterherzuhinken: Eine von der EU-Initiative Saferinternet durchgeführte Umfrage unter 400 Eltern ergab, dass 41 Prozent aller Drei- bis Sechsjährigen das Internet regelmäßig nutzen würden, davon knapp ein Fünftel via mobile Endgeräte. Die Umfrage stammt vom Jänner 2013. Heute sähen die Ergebnisse womöglich schon anders aus.

Neue Zielgruppe

Die Computerindustrie hat sich längst auf ihre neue Zielgruppe eingestellt. Traditionelle Kinderbuchverlage erweitern durch das App-Geschäft ihr Angebot, ebenso Hersteller von herkömmlichen Brettspielen. Mit Memory-Spielen, virtuellen Malbüchern oder Kinderlieder-Karaoke sollen gezielt die Jüngsten der Jungen angesprochen werden. Einzelne Apps werben damit, die motorischen Fähigkeiten von Babys zu fördern, andere fokussieren sich auf die Hand-Augen-Koordination. Für viele Eltern geradezu eine beängstigende Vorstellung.

Nicht so für Pädagogen und Internetexperten. Barbara Buchegger von Saferinternet möchte sich keinesfalls für eine Altersgrenze zum Umgang mit elektronischen Medien aussprechen.

Auch für Einjährige könne die Verwendung von Tablets durchaus eine Bereicherung darstellen, solange sie nicht länger als ein paar Minuten überschreitet. Wann und wie Kleinkinder an Computergeräte herangeführt werden sollen, hängt vor allem davon ab, welche Stellung das Medium innerhalb der Familie einnimmt. "Wenn die Eltern ständig am Smartphone abhängen, werden das die Kleinen auch nachahmen", sagt Buchegger. Es liege eben in der Natur des Kindes, ältere Bezugspersonen zu imitieren. Wenn die Eltern einen problematischen Medienkonsum aufweisen, wird sich wahrscheinlich auch ihr Nachwuchs diesen angewöhnen.

Der digitale Babysitter

Auch Heribert Rosenstingl vom Familienministerium findet: Entscheidend sei nicht, ob, sondern wie Tablets in der Erziehung genutzt werden. "Das Kulturpessimistische setzt bei mir dann ein, wenn elektronische Medien als billige Babysitter eingesetzt werden. Für Eltern bieten sie die Versuchung, ihr Kind damit ruhigzustellen."

Als Leiter der Bundesstelle für die Posititivprädikatisierung von Computer- und Konsolenspielen empfiehlt Rosenstingl seit Ende vergangenen Jahres auch App-Angebote nach ihrem altersgerechten Inhalt. Spiele für die ganz Kleinen sollten keine zu komplexen Darstellungen beinhalten, eine lineare Spielführung haben und kontrastreiche Farben.

Trotz aller Entwarnung: Natürlich mache es sehr wohl einen Unterschied, so räumen auch Rosenstingl und Buchegger ein, ob Babys allein vor einem Bildschirm sitzen oder mit anderen Gleichaltrigen vor Legobausteinen. Die Haptik ist am Display eingeschränkt, das räumliche Vorstellungsvermögen wird nicht gefördert, auch die menschliche Interaktion fehlt. "Tablets sollten nur eines von vielen Bausteinen im Spielportfolio von Kindern sein", sagt Buchegger.

Schlafstörungen

Tatsächlich fehlen bislang aussagekräftige Studien auf dem Gebiet, doch bereits 2012 schlug die amerikanische Ärztevertretung Alarm, dass das Licht aus tragbaren Endgeräten bei Heranwachsenden für Schlafstörungen verantwortlich sein könnte. Der amerikanische Kinderärzteverband rät Eltern daher, ihren Nachwuchs bis zum zweiten Geburtstag von elektronischen Medien fernzuhalten.

"Ein bisschen sollten wir auch den gesunden Hausverstand einfließen lassen", sagt Buchegger. Kinder bräuchten Abwechslung, Zuneigung und persönliche Beziehungen. Computergeräte könnten natürlich nichts davon ersetzen, aber dennoch ein wichtiger Bestandteil bei all dem sein. "Es spricht etwa überhaupt nichts dagegen, wenn die Oma dem Enkel die Gutenachtgeschichte über Skype vorliest". (Fabian Kretschmer, DER STANDARD, 29.3.2014)

Empfohlene Apps:

"Kleiner Fuchs" Kinderlieder zum Mitsingen, Aufnehmen und Verschicken. (für Android und Apple iOS)

"SquiggleFish": Diese App verbindet digitale und analoge Welt: Fische auf Papier malen, abfotografieren und dann im virtuellen Aquarium schwimmen lassen. (nur für iPad)

"Toca Hair Salon 2 ": Einmal Friseur sein und Haare schneiden, färben und föhnen. (für Android und Apple iOS) 

Tipps zum Thema:

bupp.at: Die Bundesstelle für Positivprädikatisierung des Familienministeriums spricht Empfehlungen für altersgerechte Computerspiele aus. Dabei achtet sie neben dem pädagogischen Wert auch auf den Spielgenuss. Seit 2014 testet sie auch Apps.

saferinternet.at: Die Initiative Safer Internet bietet Beratung für Eltern, die ihre Kinder im Umgang mit dem Internet unterstützen möchten.

  • An diesen Anblick sollten wir uns gewöhnen: Die Jüngsten kommen immer öfter mit Tablets in Kontakt. Zehntausende Apps sind auf dem Markt, Tendenz steigend.
    foto: katsey

    An diesen Anblick sollten wir uns gewöhnen: Die Jüngsten kommen immer öfter mit Tablets in Kontakt. Zehntausende Apps sind auf dem Markt, Tendenz steigend.

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