Bitte keine Opferrolle

5. April 2014, 08:00
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In den SOS-Kinderdörfern wird gerade ein neues Berufsbild für Kinderdorfmütter und -väter umgesetzt. Zwei Mütter erzählen aus ihrem Alltag

Wer mit Beatrix Atteneder und Eva Farfeleder spricht, muss das gängige Image von SOS-Kinderdorfmüttern überdenken. Keine Spur von Aufopferung strahlen die beiden aus, im Gegenteil: Zwei fröhliche, geerdete Frauen sitzen einem gegenüber, die sich ganz bewusst für diesen Beruf entschieden haben und an ihn mit großer Professionalität herangehen. Verzicht auf ein Privatleben? Keine eigenen Bedürfnisse? Fehlanzeige. Die Frauen, die heute in den SOS-Kinderdörfern als Mütter arbeiten, haben Partner, eigene Kinder und freie Tage.

"Wir leben nicht zölibatär", sagt Atteneder und lacht. Mit 40 habe sie begonnen, darüber nachzudenken, ob sie nicht noch einen anderen Beruf ergreifen sollte, erzählt die 53-Jährige. Damals war sie zu Hause in Oberösterreich Chefsekretärin in einer Tischlerei und fragte sich, ob ein Berufswechsel in ihrem Alter überhaupt noch klappen kann. "Ich wollte etwas machen, das mir sinnvoll erscheint." Dafür war sie sogar bereit, in ein anderes Bundesland zu siedeln.

Man wird gut vorbereitet

Dass ihre Ausbildung zur Kinderdorfmutter berufsbegleitend war, sie also gleich als Familienhelferin eingestiegen ist und nach zweieinhalb Jahren ihre eigene Kinderdorffamilie übernommen hat, findet Atteneder bis heute richtig. "Man wird gut auf den Beruf vorbereitet, auch wenn man in letzter Konsequenz doch nicht genau wissen kann, was auf einen zukommt - wie in allen anderen Familien eben auch."

Heute lebt Atteneder, die keine eigenen Kinder hat, mit sechs Kindern in einem Haus im SOS-Kinderdorf in Pinkafeld im Burgenland. Das älteste ist elf, das jüngste fünf - die Gruppe ist verhältnismäßig groß, vier bis fünf Kinder sind es in der Regel. Atteneders Mann ist mit ihr mitgegangen, hat eine Ausbildung zum sozialpädagogischen Assistenten gemacht und arbeitet als Streetworker. "Es geht nur, wenn der Partner auch voll dahintersteht", ist Atteneder überzeugt. Ihren Schritt hat Trixi, wie ihre Kinderdorfkinder sie nennen, nicht bereut, auch wenn die Familiengründung Zeit braucht. "Ein bis drei Jahre dauert es schon, bis man sich zusammengefunden hat", erzählt sie, "aber danach läuft es von selbst."

Nicht im Kloster

So weit ist Eva Farfeleder noch nicht. Die 39-Jährige ist erst seit Jänner Kinderdorfmutter, lebt mit ihren vier Kinderdorfkindern so wie Beatrix Atteneder in Pinkafeld. Zuvor hat sie als Masseurin gearbeitet, war eine Zeitlang im Gastgewerbe tätig und im Ausland. Farfeleder war wichtig, dass sie, auch wenn sie gerade Single ist, als Kinderdorfmutter "nicht ins Kloster eintritt", wie sie lachend sagt. Es sei ihr wichtig, dass sie auch noch ein Privatleben haben kann, betont die Niederösterreicherin. Trotzdem wird sie selbstverständlich ihre vier Kinderdorfkinder (sechs, vier, dreieinhalb Jahre und 16 Monate) auch mit nach Hause ins Mostviertel nehmen, wenn sie ihre eigene Familie besucht: "Wenn ich erst einmal ein Auto habe, in das alle Kindersitze reinpassen."

Schiefe Blicke haben beide in ihrem privaten Umfeld jedenfalls nicht geerntet, als sie sich dazu entschlossen, Kinderdorfmutter zu werden - im Gegenteil: "Man bekommt viel Bewunderung, wenn man sich für diesen Beruf entscheidet", schildert Atteneder. Das kann so weit gehen, dass Kinderdorfmütter samt ihren Kindern zu einer Urlaubswoche in Griechenland eingeladen, werden, wie es Eva Farfeleder schon passiert ist. Bei all den positiven Reaktionen schwinge aber auch immer "Bewunderung mit, was wir für Opfer bringen", sagt Atteneder.

Professionelles Rüstzeug

Doch dem Klischee, der sich aufopfernden Kinderdorfmutter, die niemals auf sich selbst schaut und nie Urlaub macht, wollen Beatrix Atteneder und Eva Farfeleder gar nicht entsprechen. Das sei nicht mehr zeitgemäß, finden die beiden. Kinderdorfmütter sind gut ausgebildet und gehen mit diesem professionellen Rüstzeug an den Job heran, sie erhalten Coaching und können Supervision in Anspruch nehmen. Neben dem Familienalltag im Kinderdorf müssen sie auch den regelmäßigen Besuchskontakt der Kinder mit den leiblichen Eltern organisieren. Für die Kinder ist es wesentlich leichter, wenn sie selbst nicht in Konkurrenz mit der leiblichen Mutter tritt, sagt Atteneder, die mit den Kindern schon einmal aus dem Burgenland nach Wien fährt, damit diese ihre Eltern sehen können.

Der Zugang der zwei Frauen ist durchaus im Sinne von SOS-Kinderdorf, wo man gerade ein neues Berufsbild für die Kinderdorfmütter entwickelt, das ab Herbst umgesetzt werden soll. "Die Lebenswelten haben sich verändert" , sagt Elisabeth Hauser, die Pädagogische Leiterin von SOS-Kinderdorf. Das Bild der Mutter, die ihr ganzes Leben auf die Kinder ausrichtet, ohne auf ihre eigenen Bedürfnisse zu achten, entspreche nicht mehr den gesellschaftlichen Gegebenheiten. Vielmehr soll jetzt im Mittelpunkt stehen, wie eine Kinderdorfmutter ihre Aufgabe bestmöglich gestalten kann. "Nicht alle Frauen sind gleich, ebenso wenig wie alle Kinder gleich sind", fasst Hauser den neuen Zugang zum Beruf Kinderdorfmutter zusammen. Um das zu ermöglichen, bietet SOS-Kinderdorf eine Reihe von Modellen an, nach denen Kinderdorfmütter und -väter ihren Alltag mit den Kindern organisieren können.

"Hausgeschwister"

So ist es seit sechs Jahren möglich, dass auch Ehepaare gemeinsam im Kinderdorf leben und der Partner außerhalb einem Beruf nachgehen kann. Wichtig ist allerdings die Bereitschaft, bei den Betreuungsaufgaben mitzumachen. Der Partner erhält dann ebenfalls Schulungen im SOS-Kinderdorf, kann Supervision in Anspruch nehmen und sich geringfügig anstellen lassen. Auch Frauen und Männer mit eigenen Kindern können in einem Kinderdorf arbeiten. Dass die eigenen Kinder gemeinsam mit "Hausgeschwistern" aufwachsen, sieht man bei SOS-Kinderdorf als bereichernde Erfahrung.

Beim "Generationenmodell" können sich Kinderdorfmütter und -väter entscheiden, ob sie Kinder und Jugendliche für eine oder mehrere Generationen begleiten. Zudem kann noch zwischen einer Fünf- oder Sechstagewoche gewählt werden, an den freien Tagen betreut dann eine Familienhelferin die Kinder. "Wir denken auch an ein Modell, bei dem Mütter künftig auch außerhalb des Kinderdorfes einer Tätigkeit nachgehen können, wenn die Kinder in der Schule sind", erzählt Elisabeth Hauser. Leicht war es noch nie, Kinderdorfmütter zu finden - weder damals noch heute, räumt Hauser aber ein. Die Frauen und Männer müssen mindestens 25 Jahre alt sein und eine abgeschlossene Berufsausbildung haben, das Gehalt liegt bei rund 1700 Euro netto im Monat.

In den neun österreichischen SOS-Kinderdörfern arbeiten derzeit 72 Kinderdorfmütter und vier -väter, weitere acht Frauen sind zurzeit in Ausbildung. Österreichweit betreut die Organisation rund 6000 Kinder und Jugendliche. "Es ist manchmal schwierig, aber wir haben noch immer ausreichend Kinderdorfmütter gefunden", sagt die Pädagogische Leiterin zuversichtlich.

Zeitgemäßer Zugang

Kinderdorfmütter mit einem zeitgemäßen Zugang zu ihrem Beruf wie etwa Beatrix Atteneder, die sich für eine Sechstagewoche entschieden hat. Ihren freien Tag verbringen ihr Mann und sie dann in der Wohnung in Pinkafeld, die sie außerhalb des Kinderdorfs gemietet haben. "Die Kinder sagen oft im Scherz, dass sie einmal mit mir mitziehen, wenn sie erwachsen sind." Kinderdorfmütter sind primäre Bezugsperson und pädagogische Expertinnen für die Kinder, das können sie aber nur erfüllen, wenn sie auf sich selbst achten.

Eines weiß Hauser aus jahrelanger Erfahrung: "Es sind immer die Frauen am zufriedensten, die nicht glauben, sich aufopfern zu müssen, sondern die ihr Leben so gestalten, wie es für die Kinder, aber auch für sie selbst am besten passt." (Bettina Fernsebner-Kokert, DER STANDARD, 29.3.2014)

Initiative/Projekt

Frauen oder Männer, die sich für den Beruf Kinderdorfmutter/-vater interessieren, können sich an die Zentrale von SOS-Kinderdorf wenden:

Mag. Bettina Miller, Leiterin HR Management Stafflerstraße 10a, 6020 Innsbruck bewerbung@sos-kd.org bettina.miller@sos-kd.org Tel.: 0512/59 18-0

 

  • Schiefe Blicke in ihrem privaten Umfeld haben die beiden Kinderdorfmütter in Pinkafeld, Beatrix Atteneder und Eva Farfeleder, nicht geerntet, sondern Bewunderung.
    foto: katsey

    Schiefe Blicke in ihrem privaten Umfeld haben die beiden Kinderdorfmütter in Pinkafeld, Beatrix Atteneder und Eva Farfeleder, nicht geerntet, sondern Bewunderung.

  • Für die Kinder sind Kinderdorfmütter primäre Bezugspersonen, das können sie nur erfüllen, wenn sie auf sich selbst achten.
    foto: katsey

    Für die Kinder sind Kinderdorfmütter primäre Bezugspersonen, das können sie nur erfüllen, wenn sie auf sich selbst achten.

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