Wenn Eltern noch nicht schulreif sind

8. April 2014, 17:00
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Standard-Mitarbeiter berichten aus ihrem Familienleben: Rainer Schüller hat unter 268 Volksschulen eine für seinen Sohn ausgesucht

Ich bin in einem burgenländischen Ort aufgewachsen, in dem es in der Schulgasse eine Volksschule gab. Diese habe ich vier Jahre lang besucht. Mein Sohn Moritz wächst in Wien auf. Hier gibt es 268 Volksschulen. Öffentliche, private, bilinguale, welche von der Kirche der Siebenten-Tags-Adventisten oder des Trägervereins Vienna International Islamic Schools.

Es gibt Ganztagsvolksschulen, Halbtagsvolksschulen, welche mit und welche ohne Hort. Es gibt Montessori-Schulen ohne Noten und Old-School-Schulen mit klassischen Einsern und Fünfern. Manche haben Mehrstufenklassen, andere nicht, manche haben Vorschulklassen, andere nicht. Zweihundertachtundsechzig Schulen, obwohl wir nur eine brauchen. Da fällt die Auswahl schwer.

Moritz ist ein "Später", wie man auf dem Land zu Kindern sagt, die im Herbst geboren sind. Netterweise hat er genau wie sein Papa am 8. Oktober Geburtstag. "Vollendet ein Kind sein sechstes Lebensjahr zwischen dem 1. September und dem 31. Dezember, ist es erst mit 1. September des Folgejahres schulpflichtig", schreibt das Gesetz vor. Allerdings sagt es auch: "Eltern oder sonstige Erziehungsberechtigte, deren Kind zwischen 1. September und 1. März des folgenden Kalenderjahres das sechste Lebensjahr vollendet, können bei der Schulleiterin / beim Schulleiter der Volksschule um vorzeitige Aufnahme ansuchen."

Was wollten wir?

Er hätte also schon ein Jahr früher in die Schule gehen können, wenn wir das gewollt hätten. Aber was wollten wir bloß? Zu diesem Thema gab es drei Fraktionen in unserer Familie. Die Mama-Fraktion: Gib dem Kind Zeit. Er ist zwar klug, aber emotional und physisch noch nicht so weit. Außerdem wird er uns später dankbar sein, wenn er zu den Ältesten in der Klasse zählt und nicht zu den Jüngsten. Die Papa-Fraktion: Verdammt, seine drei besten Spezis gehen jetzt in die Schule, er wird sich sicherlich im Kindergarten langweilen. Die Moritz-Fraktion: Ich will dorthin, wo meine Freunde und Magdalena sind. Durchgesetzt hat sich die Mama-Fraktion - und es war gut so. Moritz genießt im Moment sichtlich das letzte Jahr als einer der Größten in der Kindergartengruppe. Magdalena datet er jetzt in der Freizeit.

Obwohl wir uns und unserem Sohn ein Jahr Schonfrist gegeben hatten, war nun endgültig die Schulauswahl zu treffen. Schon drei Jahre zuvor hatten wir begonnen, die Einrichtungen in der Umgebung zu inspizieren.

Voll das Leben

Eine Privatschule war eigentlich kein Thema, weil uns der Elitegedanke ziemlich fernliegt. Außerdem sind wir mehr als zufrieden mit dem öffentlichen Kindergarten, in dem sich zu Unrecht unterbezahlte Pädagoginnen und Pädagogen äußerst kompetent und liebevoll um unseren Sohn kümmern und er mit dem vollen Spektrum der Lebensrealität inklusive urbaner Sprachenvielfalt konfrontiert wird. Da wir beide berufstätig sind, ist uns vor allem die Ganztagsbetreuung ohne für alle Beteiligten mühsamen Transport zum Hort wichtig.

Nach Studium des Wiener Schulführers, vielen Gesprächen mit Bekannten und Verwandten und durch die Tipps des Kindergartens haben wir unsere Auswahl auf zwei Volksschulen in der Nachbarschaft reduziert. Die eine liegt gleich um die Ecke. Pluspunkte: guter Ruf wegen Mehrstufenklassen, erfahrenes Personal, schöner grüner Schulhof, 2,5 Minuten Gehzeit. Minuspunkte: möglicherweise altmodische pädagogische Ansätze, vormittags Unterricht - nachmittags Betreuung, altes Schulgebäude.

Die zweite liegt ein wenig weiter weg. Plus: verschränkter Unterricht zwischen Lernen und Freizeit, Neubau, Ganztagsbetreuung, junges Personal, noch schönerer Schulhof, gutes Sportangebot, tolle Kantine, Bibliothek. Minus: junges Personal könnte zu unerfahren sein, mehr Kinder, Gehzeit: 7,4 Minuten.

Wir haben schließlich beschlossen, es bei Schule Nummer zwei zu versuchen. Ausschlaggebend war am Ende nicht die Plus-Minus-Liste, sondern die Aussage einer Nachmittagsbetreuerin bei einem Tag der offenen Tür. Sie sprach zu einer Runde verunsicherter Eltern den folgenden Satz: "Die Kinder sollen in der Volksschule vor allem eines lernen: den Spaß am Lernen." Gekauft.

Auf einem Bein

Stichwort: Spaß. Der sollte uns, den Eltern, am Tag der Schuleinschreibung vergehen. Wir waren zwar eigentlich mental gut vorbereitet. Im Kindergarten wurde auch ein Trockentraining veranstaltet, um uns einzustimmen. Mit Moritz übten wir seinen Namen zu schreiben und auf einem Bein zu stehen. Alles easy-cheesy. Realiter kam es aber dann doch anders. Viel zu schnell ging das. Kaum hatten wir das Anmeldeformular ausgefüllt, wurden die Kinder schon in Reih und Glied aufgestellt und mussten einen Stock tiefer marschieren, um auf die Schulreife geprüft zu werden. Und weg waren sie.

Weg war unser kleines Baby. Birth, School, Work, Death von den Godfathers schoss mir in den Kopf. Moritz wurde auf diesem Volksschulgang in die zweite Lebensphase katapultiert. Erst nach einer unendlichen Stunde trappelte die Zweierreihe wieder heran. Er wirkte sicherer, gefestigt, älter. Stolz verkündete er: "Ich glaube, ich bin schulreif." Er schon. (Rainer Schüller, DER STANDARD, Family, 8.4.2014)

  • Familie Schüller-Tichy vor der Schule - die Kinder sollen in der Volksschule vor allem eines lernen: den Spaß am Lernen.
    foto: katsey

    Familie Schüller-Tichy vor der Schule - die Kinder sollen in der Volksschule vor allem eines lernen: den Spaß am Lernen.

  • Fünf vor acht: Die Pluspunkte der Schule sind Ganztagsbetreuung, Neubau, junges Personal, gutes Sportangebot, tolle Kantine, Bibliothek ...
    foto: katsey

    Fünf vor acht: Die Pluspunkte der Schule sind Ganztagsbetreuung, Neubau, junges Personal, gutes Sportangebot, tolle Kantine, Bibliothek ...

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