Beruf: Tagesmutter

1. April 2014, 16:12
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Kochen, spielen, sich das Ohr kraulen lassen: Das und viel mehr gehört zum lebendigen Alltag einer Tagesmutter in Wien-Leopoldstadt

Fünf Kinder sitzen um ein Tischerl und essen artig ihren Hirsebrei mit Reismilch, Zimt und Honig. Außer Schmatzen und Löffelgeklapper ist wenig zu hören. So ruhig kann so ein Vormittag bei Tagesmutter Doris in Wien-Leopoldstadt sein, aber auch so lebhaft und fordernd wie die darauf folgenden Momente, als die Schüsseln leer und die Bäuche voll sind: Da wird mit Dynamik das Bücherregal ausgeräumt, im Wohnzimmer um die Wette gelaufen und gestürzt und auf der Couch der Brei samt der Milch vom Morgenflascherl wieder herausgebrochen.

Erstens: die Mutter der erkrankten Kleinen anrufen, zweitens: den Couch-Überwurf abziehen, drittens: die vom Zweikampf verwundeten Bubenknie massieren. Zugleich aus einem Bilderbuch vorlesen und sich dabei von einem müden Dreijährigen das Ohr kraulen lassen. Das und viel mehr fällt in den Kompetenzbereich einer Tagesmutter wie Doris, die zwischendurch auch geduldig auf journalistische Fragen antwortet.

Hartnäckige Bewerber

Nein, bitte nur das nicht! Ihren echten Namen möchte sie auf keinen Fall in der Zeitung stehen sehen. "Was glauben Sie, was dann bei mir los ist?", fragt Doris, die sich schon mehrmals gegen allzu hartnäckige Platzbewerber wehren musste. Nein, Werbung brauche sie wirklich nicht.

Kein Wunder, ist das Gerangel um einen Platz bei einer Tagesmutter groß, und das nicht nur in Wien, sondern auch und vor allem auf dem Land. Meist sind es Eltern von Kindern zwischen eins und drei, die sich für diese familiäre Betreuungsform entscheiden – sei es, weil sie auf einen Kindergartenplatz warten, sei es, weil sie ihr Kind lieber in einer kleinen Gruppe aufgehoben wissen wollen. Österreichweit waren es 2013 rund zwei Prozent aller Null- bis Zweijährigen, die von Tageseltern betreut wurden. Wie viele Kinder eine Tagesmutter in ihre Obhut nehmen darf, ist von Bundesland zu Bundesland anders geregelt, die Spanne reicht von drei bis acht.

Mundpropaganda

Bei Doris genügte anfangs Mundpropaganda in der Nachbarschaft, und schon war die muntere Fünfergruppe rekrutiert. Die gebürtige Burgenländerin war 45, als sie sich dazu entschloss, den Schneiderberuf aufzugeben und eine zweimonatige Ausbildung zur Tagesmutter zu beginnen. Ihr Weg führte sie zum Verein "Kinderdrehscheibe" in Wien. "Dort fühle ich mich gut aufgehoben", sagt Doris, die froh ist, heute nicht mehr zehn Stunden pro Tag als Ankleiderin im Theater arbeiten zu müssen. Schließlich möchte sie auch Zeit mir ihrer Familie verbringen, zu der drei eigene Kinder zwischen 14 und 20 Jahren gehören.

Ihre Entscheidung hat sie nicht bereut. Anders als im Schneiderjob, der ihr Rückenprobleme bescherte, könne sie sich nun jederzeit auf den Boden legen. Und beim Frühstück mit der eigenen Familie gebe es immer einen Schwank vom Vortag zu erzählen. "Ich hab jeden Tag eine Freud", sagt Doris, die in einer Großfamilie mit zehn Geschwistern und Großeltern im Haus aufgewachsen ist und auch später oft eine volle Wohnung hatte, "weil die Freunde meiner Kinder gern zu uns gekommen sind". Ihr Freundeskreis hat ihr in puncto Ausbildung sofort zugeraten: "Doris, du musst das machen!"

Portion Idealismus

Bei aller Begeisterung für ihre neue Aufgabe sieht Doris auch die problematischen Seiten des Berufs. Das Bild der Tagesmutter, sagt sie, sollte sich verändern. "Viele glauben, dass wir Mütter sind, die ein paar Kinder dazunehmen." Ein Mangel an Wertschätzung, den Tageseltern unter anderem mit Kindergartenpädagoginnen teilen. "Dabei ist es etwas ganz Besonderes, sich so intensiv mit Kindern beschäftigen zu können. Tagesmutter ist ein attraktiver Beruf."

Eine gehörige Portion Idealismus ist allerdings notwendig, wenn es ums Gehalt geht: "Wenig mehr als zwei Euro bekomme ich pro Kind und Stunde", rechnet die Tagesmutter vor. Anders als ihre selbstständigen Kolleginnen ist Doris beim Verein "Kinderdrehscheibe" angestellt. Und sie empfindet diese "Wand" des Vereins hinter sich als Stärkung. Einmal im Monat gebe es einen Jour fixe mit anderen Tagesmüttern. Außerdem biete der Verein Supervisionsstunden, in denen die Probleme des Berufsalltags besprochen werden können. Denn: "Natürlich gibt es Konflikte. Es wäre gelogen, zu sagen, dass es immer nur harmonisch zugeht", räumt Doris ein. Aber das sei ja auch der Reiz an der Sache. "Wenn ich denken würde, dass eh jeder Tag gleich ist, müsste ich aufhören."

Viel Zeit im Freien

Um sich vom Tagesmutterdasein nicht auffressen zu lassen und auch für sich und die eigene Familie noch Raum zu haben, hält sich Doris den Montagvormittag und den Freitagnachmittag frei. Im Sommer verbringt sie mit den Kleinen viel Zeit im Freien. Da wird im Park gespielt, gepicknickt und unter Bäumen geschlafen. Regelmäßige Ausflüge in die Bücherei und auf den Karmelitermarkt gehören ebenso zum Programm.

Auch das Nähen, das sie nach wie vor leidenschaftlich betreibt, fließt in den Alltag mit den Kindern ein. Mit jedem der fünfe ist Doris schon einmal bei der Nähmaschine gesessen. "Und einmal hatte ich ein Mädchen, das sich bei mir das Stopfen selbst beigebracht hat." Das gestopfte Söckchen hängt als Erinnerungsstück in der Schneiderwerkstatt. (Barbara Schwarcz, DER STANDARD, 29.3.2014)

TIPPS ZUM THEMA:

Österreichweit: hilfswerk.at, volkshilfe.at

Wien: kinderdrehscheibe.at

Oberösterreich: tagesmuetter.kinderplattform.info

Burgenland: tagesmuetter.or.at

  • In einer kleinen Gruppe gut aufgehoben: Bei Doris genügte anfangs Mundpropaganda in der Nachbarschaft, und schon war die muntere Fünfergruppe rekrutiert.
    foto: katsey

    In einer kleinen Gruppe gut aufgehoben: Bei Doris genügte anfangs Mundpropaganda in der Nachbarschaft, und schon war die muntere Fünfergruppe rekrutiert.

  • Tageskinder und Tagesmutter sind ein eingespieltes Team: "Es ist etwas ganz Besonderes, sich so intensiv mit Kindern beschäftigen zu können."
    foto: katsey

    Tageskinder und Tagesmutter sind ein eingespieltes Team: "Es ist etwas ganz Besonderes, sich so intensiv mit Kindern beschäftigen zu können."

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