Xbox-Entwickler: Das Leben ist zu kurz, um sich über Internet-Trolle zu ärgern

25. März 2014, 09:42
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Ehemaliger Microsoft-Mitarbeiter stand nach #dealwithit-Affäre vor einem Trümmerhaufen

Einst gehörte Adam Orth zum Xbox-Team bei Microsoft. Bis zu jenem Tag, an dem ein provokanter Tweet den drastischen Wandel seines Lebens einleiten sollte. Im Frühjahr hatte Microsoft die Xbox One vorgestellt, doch statt großer Begeisterung schlug dem Konzern eine Welle der Aufregung entgegen – unter anderem, weil die Konsole immerfort mit dem Internet verbunden sein sollte.

Er verstehe das Drama um "always online" nicht, twitterte Orth damals. "Jedes Gerät heute ist immer online, das ist die Welt, in der wir leben", schrieb er und fügte der Aussage das Hashtag "#dealwithit" ("findet euch damit ab") bei. Kritikern riet er in wenig höflichem Ton, doch mit der Zeit zu gehen.

Krebswünsche und Todesdrohungen

Es folgten ein Shitstorm und wenige Tage später seine Entlassung. "Unangebracht" nannte Microsoft seine Wortmeldungen. Doch für Orth, der ein Jahr lang für den Konzern tätig gewesen ist, war die Affäre damit nicht beendet, fasst VG247 zusammen.

Wie er in einer Rede auf der Game Developers Conference darlegte, war der wütende Mob aus dem Internet drauf und dran, sein Leben zu zerstören. Auch nach seiner Entlassungen wünschten ihm Menschen aus dem Schutze der Anonymität heraus Krebs an den Hals und sandten Todesdrohungen.

Desensibilisierte Branche

"Ich wurde zum nächsten Opfer des Internet-Hasses", schildert Orth. "Mein öffentliches und privates Leben war zum Abschuss freigegeben." Andere Menschen begannen, sich von ihm zu distanzieren. Er stand plötzlich ohne Einkommen da und fürchtete, in der Spieleindustrie keine Arbeit mehr finden zu können.

Dieser wirft er nun mangelnde Sensibilität im Umgang mit solchen Phänomenen vor. Ihn stört weniger die Gefahr, dass einer der Internet-Trolle seine Drohungen wahrmachen könnte – weswegen er mit seiner Familie nach seiner Entlassung nach Santa Monica gezogen ist –, sondern dass kaum noch ein Entwickler derlei Verhalten irritiert. "Die Gesellschaft ist bis an den Punkt verkommen, an welchem so etwas eine akzeptable und erwartete Reaktion ist", sagt er.

"Als Branche sind wir unempfindlich gegenüber solch wahnsinnigem Verhalten geworden, weil es allgegenwärtig und unaufhaltbar ist", schildert Orth. "Wir haben uns zurückentwickelt, und es gibt keinen Ausweg." Andere Entwickler würden aufgrund der "Giftigkeit des Internets" ihre Karrieren überdenken oder ihre Meinungen nur noch anonym kundtun.

Rückkehr mit eigenem Studio

Er selbst hat sich wieder aufgerichtet und letztendlich die schönste Zeit seines Lebens gehabt, indem er sich mehr seiner Familie, Freunden und Gesundheit zugewandt hat. Im September 2013 hat er nach mehrmonatiger Pause schließlich das Indie-Studio Three One Zero gegründet, das derzeit am First-Person-Abenteuer ">Adr1ft" arbeitet, welches sich mit der destruktiven Kraft des Online-Mobs beschäftigten soll.

"Das Leben ist zu kurz, um sich wegen anonymer Internetaktivität zu sorgen", meint Orth. Man müsse den Hass ausblenden, was die Trolle sagten, sei eigentlich eine Spiegelung ihres eigenen Lebens. Man müsse einfach weiter seine Träume verfolgen, irgendwann würden die Rüpel aus dem Netz müde werden. (gpi, derStandard.at, 25.03.2014)

  • Nach seinem Engagement bei Microsoft ist Orth nun mit einem eigenen Spielestudio zurück.
    foto: adam orth

    Nach seinem Engagement bei Microsoft ist Orth nun mit einem eigenen Spielestudio zurück.

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