Kölner "Tatort" und die Ursünde Rationalisierung: Top oder Flop?

Ansichtssache23. März 2014, 18:13
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Es brennt im jüngsten Kölner Tatort: Der Fall Reinhardt. Auf den ersten Blick haben es die Kommissare Ballauf und Schenk mit einem klassischen Brandstifter zu tun. Eine Villa wurde abgefackelt, drei Kinder sterben. Auf den zweiten Blick sieht der geneigte Zuschauer jedoch: eine Familientragödie.

foto: orf/ard/uwe stratmann

Der Papa: hat seinen Job verloren und kann sein Versagen als Ernährer nicht ertragen. Die Mama: zerbricht am Verlust ihres gehobenen Lebensstandards. Allerorten begegnen einem in diesem Tatort schwache Menschen, gebeutelt von ihrem Schicksal und nur sehr bedingt fähig, damit souverän oder gar würdevoll umzugehen.

Das Problem aber (und wenn man so will: der wahre Täter) enthüllt sich in einer kurzen, aber schlagenden Szene. Es trifft da Ballauf auf eine ehemalige Kollegin des Familienvaters. Warum er denn entlassen worden sei, fragt der Kommissar. Die magere Frau im Businesskostüm, die so gar nicht schwach wirkt, sagt nur ein Wort: "Rationalisierung." "Aber Sie durften bleiben", mit tonloser Verachtung Ballauf. Mit selbstgerechtem Grinsen sie: "Geschenk der Quote."

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foto: orf/ard/uwe stratmann

Der Moment der Kündigung ist in diesem Fall die Ursünde. Diese Aufkündigung von Solidarität und Zusammenhalt ist wie ein Tumor, dem man in der restlichen Folge dabei zusehen kann, wie er alle anderen menschlichen Beziehungen verseucht und zersetzt.

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Irgendwie sind im "Tatort" ja immer die gesellschaftlichen Verhältnisse schuld. Hier aber wird sehr viel Wert auf die Feststellung gelegt, dass auch die Gesellschaft nur aus Menschen besteht. Die, welche fühlen und leiden, mögen schwach sein. Wer der Gesellschaft aber wirklichen Schaden zufügt - das sind die anderen. (Andrea Heinz, DER STANDARD, 24.3.2014)

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foto: orf/ard/uwe stratmann

"Die neue Härte steht dem zuvor so drolligen Kölner "Tatort" gut - neue Schärfe beim Schliff des Drehbuchs hätte auch nicht geschadet", urteilt Christian Buß im "Spiegel". Diese "Tatort"-Folge entfalte "für einen Fernsehkrimi eine erstaunliche Kraft", heißt es in der "FAZ". Das liege "am schnörkellosen Drehbuch, an der sicheren Regie, aber ganz besonders an der Besetzung".

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foto: orf/ard/uwe stratmann

"Viele Dialoge in diesem 'Tatort', Gesichterstudien, ein Kammerspiel unter scheinbar freiem Himmel", schreibt Holger Gertz in der "Süddeutschen Zeitung", "sogar Ben Becker passt mit seiner todesvogelartigen Lässigkeit gut in eine sehenswerte Geschichte über Angst und Schmerzen; eine Tragödie ohne Wurst und Trost."

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