Nicht an Mut fehlt es, sondern an Verlässlichkeit

23. März 2014, 17:21
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Diagonale: Ruth Beckermann und Houchang Allahyari erhielten Hauptpreise. Bekräftigt wurde die Forderung nach finanziellen Sicherheiten, erneut bewiesen filmischer Wagemut

Graz - Die Halbierung des ORF-Film-/Fernsehabkommens, einer tragenden Säule der Filmförderung, blieb eines der bestimmenden Themen der Diagonale. Bei der Abschlussgala im Grazer Orpheum wiederholten Filmschaffende die schon per Video-Post erhobenen Forderungen. Für die Politik besteht nicht nur in diesem Bereich Handlungsbedarf: 10 Jahre Filmförderung, eine in Graz präsentierte Studie, macht deutlich, wie dramatisch manche regionale Fördertöpfe unterdotiert sind.

Die Herstellungsförderung des Kulturamts Wien, eine wichtige Basis für unabhängiges Filmschaffen, ist beispielsweise seit 2009 kontinuierlich auf 197.000 Euro gesunken. Auch die Mittel für die vielfältigen filmkulturellen Initiativen und Institutionen der Bundeshauptstadt gingen deutlich zurück, obwohl mit der Ausgliederung der Kinoförderung Geld eingespart wurde.

Will man die Vielfalt des Kinos mit Publikumsakzeptanz zusammenbringen, sind gerade diese Aktivitäten unerlässlich. Die Diagonale demonstrierte erneut erfolgreich, wie sich etwa die Fixierung auf den Spielfilm mit dokumentarischen und experimentellen Formen auflockern lässt. Dennoch wäre es wünschenswert, auch Berlinale-Spielfilme wie Macondo oder Risse in Beton in Graz sehen zu können; manche Produktionsfirmen halten Arbeiten aus übertriebener Vorsicht zurück, um Premieren näher am Kinostart zu veranstalten.

Houchang Allahyari erhielt durchaus überraschend den Preis für den besten Spielfilm, seinen ersten seit über zehn Jahren. Der letzte Tanz erzählt von einer Liebe, die gegen den gesellschaftlichen Wertekodex verstößt. Ein Zivildiener (Daniel Sträßer) erweist sich für Frau Ecker, die renitente Bewohnerin eines Altersheims, als wirksamste Therapie. Durch seine Zuwendung fasst die Dame wieder Lebensmut, ja zeigt Symptome einer närrisch Verliebten.

Ihr Verhältnis macht der Film unbeirrt anschaulich. Es bildet sein Herzstück und ist eng mit Hauptdarstellerin Erni Mangold verbunden, die auch als beste Schauspielerin ausgezeichnet wurde. Wie die 87-Jährige das junge Mädchen in ihr wachzurufen versteht, hat in Der letzte Tanz Witz wie Poesie. Unebener, stellenweise stereotyp wirkt der Film in der Ausmalung der Gegenreaktion durch eine unerbittliche Krankenschwester und Institutionen.

Ein Landschaftspanorama mit Gebirgszug und Gewässer, ein kleines Boot und eine über Funk übermittelte Handlungsanweisung - daraus generiert Lukas Marxt in Reign of Silence ein Bild, das die Bedingungen seiner Erzeugung ausstellt. Ein "water work", das man durchaus in Land-Art-Traditionen stellen kann.

Dokumentarischer Kern

Reign of Silence und sein Zwillingsfilm High Tide, Preisträger in der Kategorie "Innovativer Film", lassen sich auch als Beleg für die Verschränkung der Gattungen sehen: Im "Innovativen Film" bestätigten nicht nur die Beiträge von Marxt die Tendenz, von reinen Abstraktionen abzugehen, viele Arbeiten haben im Kern auch dokumentarischen Charakter. Umgekehrt sind im Dokumentarfilm freiere Zugänge festzustellen:

Preisträgerin Antoinette Zwirchmayr entwirft in Der Zuhälter und seine Trophäen ein Filmbilderbuch, in dem Detailaufnahmen eines Bordells, alte, gespiegelte Fotografien und Landschaftsaufnahmen allmählich das dunkle Kapitel einer Familienkonstellation erhellen, über das nur indirekt gesprochen wurde. Es handelt sich um das Rotlicht-Etablissement des Großvaters in Salzburg - mehr noch um die herrische Denkweise dahinter. Nicht nur seine von Autorin Angelika Reitzer verdichteten, aus dem Off eingesprochenen Aussagen geben darüber Auskunft; doch Bild und Ton kommen in dieser nuancierten Arbeit nicht zur Deckung - vieles bleibt wortwörtlich schwarz.

Christine Moderbachers halbstündige Lettre à Mohamed hingegen reflektiert auf behutsame Weise in Begegnungen mit Männern und Frauen in Tunesien die dortige Lage, die Euphorie nach dem Sturz Ben Alis, die Enttäuschung nach der ersten Wahl - nicht die einzigen überzeugenden Beiträge einer neuen Generation von Filmemacherinnen. Aber auch Ruth Beckermann, Pionierin unter den Dokumentaristinnen, erhielt den Großen Diagonalepreis für Those Who Go Those Who Stay mit der Begründung, dass ihr Film, es wage, "sich frei zu bewegen (...) er umarmt das Offene, Unbestimmte, statt es zu fürchten. Und dazu gehört viel Mut." (Dominik Kamalzadeh, Isabella Reicher, DER STANDARD, 24.3.2014)

Preise

  • Bester Spielfilm Der letzte Tanz (Houchang Allahyari)
  • Bester Dokumentarfilm Those Who Go Those Who Stay (Ruth Beckermann)
  • Innovativer Film High Tide (Lukas Marxt)
  • Beste Schauspielerin: Erni Mangold (Der letzte Tanz)
  • Bester Schauspieler: Gerhard Liebmann (Blutgletscher; Bad Fucking; Das finstere Tal)
  • Beste Kamera: Thomas W. Kienast (Das finstere Tal); Joerg Burger, Attila Boa (Das große Museum)
  • Bester Schnitt: Karina Ressler (Oktober, November); Dieter Pichler (Das große Museum)
  • Bester Kurzspielfilm Musik (Stefan Bohun)
  • Bester Kurzdokumentarfilm Der Zuhälter und seine Trophäen (Antoinette Zwirchmayr)
  • Publikumspreis Das Kind in der Schachtel (Gloria Dürnberger)
  • Romeo und Julia mit Altersunterschied: Erni Mangold und Daniel Sträßer in dem Filmdrama "Der letzte Tanz".
    foto: diagonale

    Romeo und Julia mit Altersunterschied: Erni Mangold und Daniel Sträßer in dem Filmdrama "Der letzte Tanz".

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