Burgenland: Ein halbes Jahrhundert lang rot

21. März 2014, 19:58
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1964 wurde das Burgenland politisch umgefärbt

Eisenstadt - Die Landtagswahl am 22. März 1964 brachte keinen Erdrutsch: Die ÖVP (47,3) verlor einen knappen Prozentpunkt, die SPÖ (48,2) gewann etwas mehr als zwei. Aber diese marginale Verschiebung löste doch einen Erdrutsch aus, der nicht nur das Burgenland, sondern die ganze Republik verändert hat.

Bis heute singuläres Ereignis

Erstmals nämlich - und bis heute blieb das ein singuläres Ereignis - ist ein Bundesland auf Dauer umgefärbt worden. Das agrarisch dominierte - und durch den Nachhall des ungarischen Schulsystems geradezu absurd klerikal geprägte - Land hat sich damals die Undenkbarkeit eines roten Landeshauptmanns verordnet.

Auch die damit dauerhaft unter Wasser gekommene ÖVP sprach und spricht vom "Strukturwandel", der das pannonische Erröten unumgänglich gemacht habe. Aus Bauern wurden Wien-Pendler, die sich dort halt einschlägig viral infiziert hätten. Ein wenig kurzgriffig ist eine solche, auch roterseits gern wiederholte Sachverhaltsdarstellung aber doch. Denn abgesehen davon, dass dieser Strukturwandel aufs traditionell industriegeprägte Niederösterreich - von den Schwerindustriezentralen Oberrösterreich und Steiermark zu schweigen - noch eher zugetroffen hätte, hätte man die bis ins Heutige hinein streng brauchtumsgeschulten Burgenländer mit bloß irdischem Lohn sicher nicht überzeugen können.

Dummes Versehen der ÖVP

Es war, erzählen viele, die damals schon die Augen offen hatten, auch ein dummes Versehen der ÖVP. Die zog wacker mit dem Kulturkampfschmäh in die Wahl. Aber während man den Roten allfällige Kirchenschändungsabsichten unterschob, zog Theodor Kery schon orgelspielend durchs Land. Fred Sinowatz, der Parteisekretär, organisierte unaufgeregt solch unverhofften Basiskompromiss mit den historischen Erzfeinden. In Wien beachtete das alles der Koalitionsaußenminister Bruno Kreisky. Sinowatz schlichtete ihm so das politische Handwerkszeug, mit der er 1970 die Nationalratswahl gewann. Der Slogan "ein Stück des Weges gemeinsam gehen" hat pannonische Wurzeln.

Genauer Neufelder. Dort, in der Ehrengräbersektion an der Sportplatzmauer, liegen die Wegbereiter. Ludwig Leser (1890-1946), provisorischer Landeshauptmann bis 1946; Hans Bögl (1899-1974), erster gewählter roter Landeshauptmann von 1964 bis 1966, als er sich zugunsten von Theodor Kery in die Pension zurückzog. Und eben Fred Sinowatz (1929- 2008), Bundeskanzler von 1983 bis 1986.(Wolfgang Weisgram, DER STANDARD, 22.3.2014)

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