Soziale Netzwerke als "Schreckgespenst" für Nahostmachthaber

4. November 2014, 09:11
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Erdogans Twitter-Verbot in der Türkei zeigt Angst vor weltweiter Vernetzung durch moderne Medien - Türken umgehen wie Iraner das Verbot

Das Twitter-Verbot in der Türkei zeigt sehr deutlich das generelle Dilemma von einigen Machthabern im Nahen und Mittleren Osten, die die neuen Medien und sozialen Netzwerke wie Twitter, YouTube und Facebook als "Machenschaften des Teufels" und als Schreckgespenster, die ihre Macht beschneiden könnten, sehen.

Wo immer jedoch in der Region etwas im Westen Verbreitetes verboten wird, finden die prowestlichen Bürger wie jene in der Türkei und im Iran Mittel und Wege, diese Verbote zu torpedieren. Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hat somit zwar offiziell den Zugang zu Twitter gesperrt, damit aber nicht bewirkt, dass die Türken nicht mehr twittern.

Sperre wird umgangen

Seit dem Verbot vor wenigen Stunden wurden via SMS oder VPN-Systemen  mehr als 600.000 Tweets verschickt. Einige von ihnen sogar von Menschen aus Erdogans politischer Umgebung, die das Verbot wie viele Türken kritisiert oder belächelt haben.

Hauptgrund für Erdogans Antipathie gegen die modernen Medien waren für ihn peinliche Youtube-Mitschnitte, die im Netz kursieren. Zu hören ist angeblich, wie er seinen Sohn auffordert, große Geldsummen vor Korruptionsermittlern in Sicherheit zu bringen.

Die Nervosität in Erdogans Büro muss kurz vor den türkischen Kommunalwahlen sehr groß sein. Allein seine Ankündigung für das Verbot am gestrigen Donnerstag zeigt die Ehrfurcht vor der Macht der sozialen Netzwerke. "Twitter und solchen Sachen werden wir mit der Wurzel ausreißen. Was dazu die internationale Gemeinschaft sagt, interessiert mich überhaupt nicht", so der türkische Politiker, der damit jene Töne anschlägt, die man aus den Freitagsgebeten in Teheran gewohnt ist. Dort wettern Kleriker wie der ultrakonservative Hardliner Ahmad Jannati seit Jahren gegen eine "kleine schwarze Box (Laptop, Anmerkung), mit deren Hilfe sich die Menschen mit der sündigen westlichen Welt verbinden, um Unheil und Verruchtheit über uns zu bringen".

"haram"

Groteskerweise ist ausgerechnet der Iran jenes Land in der Region, das mit weit über 20 Millionen Facebook- und Twitter-Accounts am aktivsten ist, obwohl diese Medien offiziell verboten sind. Wie Erdogan in der Türkei haben auch der iranische Präsident Hassan Rohani und sogar der Oberste Geistliche Führer Ali Khamenei Konten auf diesen Plattformen, die offiziell als "haram" (Sünde) eingestuft werden.

Auch in Syrien, Saudi-Arabien und anderen Staaten in der Region sind soziale Netzwerke oft das Hauptkommunikationsmittel für Regimegegner und daher den jeweiligen Regierungen ein Dorn im Auge. Sie werden daher genau kontrolliert und stehen nur eingeschränkt zur Verfügung.

Rohani hat vom konservativen Establishment im Iran die Öffnung dieser Netzwerke verlangt, denn "es verwende sie ohnehin jeder und man könne die Augen vor den Realitäten des Lebens nicht verschließen". Der moderate Kleriker setzt sogar bewusst auf moderne "Twiplomatie" auf Persisch.

Erdogan, der auf den antiwestlichen Zug der iranischen Hardliner aufgesprungen ist und ihre Diktionen verwendet, hat sich laut Beobachtern mit seinem Twitter-Verbot ins eigene Fleisch geschnitten. "Diese Geschichte könnte ihm politisch das Genick brechen", meint einer von ihnen.(APA, 21.3. 2014)

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