Malthus, Marx und modernes Wachstum

Kommentar der anderen21. März 2014, 17:06
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Trotz Kriegen und Finanzkrisen stieg der Lebensstandard in der modernen Gesellschaft

Das Versprechen, wonach es jeder Generation besser gehen würde als der vorhergehenden, ist ein Grundprinzip der modernen Gesellschaft. Im Großen und Ganzen hat sich dieses Versprechen in den meisten entwickelten Ökonomien erfüllt. Trotz Kriegen und Finanzkrisen stieg der Lebensstandard - selbst in Entwicklungsländern. Doch werden künftige Generationen, vor allem in Industrieländern, den Wachstumserwartungen gerecht werden? Obwohl dies der Fall sein dürfte, scheinen die Abwärtsrisiken höher zu sein als vor ein paar Jahrzehnten.

Bislang haben sich alle neuzeitlichen Prognosen von Thomas Malthus bis Karl Marx, wonach sich das Los der Menschheit verschlechtern würde, als spektakulär falsch erwiesen. Mit technologischem Fortschritt hat man die Hindernisse für das Wirtschaftswachstum überwunden. Ein Garant, dass sich der Wachstumskurs über das aktuelle Jahrhundert aufrechterhalten lässt, ist dies nicht. Abgesehen von geopolitischen Brüchen gilt es, große Herausforderungen zu bewältigen, deren Ursachen primär in unzureichender Leistung und Fehlfunktion der Politik liegen. Prominentestes Beispiel: die Umweltzerstörung. Ich beneide künftige Generationen nicht darum, dass sie mit globaler Erwärmung und erschöpften Süßwasserreserven konfrontiert sein werden.

Ein zweiter Problemkreis betrifft die Sicherstellung, dass unser Wirtschaftssystem als grundsätzlich gerecht wahrgenommen wird. Das kann mittlerweile nicht mehr als selbstverständlich angesehen werden, da das Zusammenspiel von Technologie und Globalisierung die Ungleichheit hinsichtlich Einkommen und Wohlstand verschärft hat.

Das dritte Problem: die alternden Bevölkerungen. Wie werden Ressourcen für die Altenpflege vor allem in langsam wachsenden Ökonomien zugeteilt, wo bestehende staatliche Renten- und Krankenversicherungsprogramme für alte Menschen offenkundig untragbar sind? Steigende Staatsschulden verschärfen das Problem, weil künftige Generationen Schulden und Renten zahlen müssen.

Die letzte Herausforderung betrifft eine breite Palette von Fragen, im Rahmen derer es der Regulierung sich rasch entwickelnder Technologien durch Regierungen bedarf, die allerdings nicht unbedingt über Kompetenzen oder Ressourcen verfügen, um dies auch effizient durchzuführen. Wohin schlechte Regulie- rung führen kann, haben die Finanzmärkte gezeigt. Auf anderen Märkten bestehen ähnliche Mängel. Etwa in der Lebensmittelversorgung mit immer stärker verarbeiteten und gentechnisch veränderten Nahrungsmitteln, deren wissenschaftliche Beurteilung erst am Anfang steht. Fettleibigkeit im Kindesalter hat sich zu einer Epidemie ausgewachsen, Typ-2-Diabetes und Herzkrankheiten steigen.

Wissenschafter wie Kelly Brownell, David Ludwig und Walter Willett haben diese Probleme dokumentiert. Bisherige staatliche Interventionen, hauptsächlich in Form verstärkter Aufklärung, haben sich größtenteils als unwirksam erwiesen. Auch hier scheinen die politischen Märkte erstarrt zu sein.

Aber es gibt kurz- und mittelfristige Lösungen. Eine weltweite CO2-Steuer würde Klimarisiken verringern und die Schuldenlast der Staaten lindern. Die Ungleichheit erfordert eine stärkere Umverteilung durch nationale Steuersysteme in Kombination mit Bildung. Gegen rückläufiges Bevölkerungswachstum könnte Migration helfen. Doch wie lange die Regierungen brauchen, um aktiv zu werden, ist eine offene Frage. (Kenneth Rogoff, Übersetzung: Helga Klinger-Groier, © Project Syndicate, DER STANDARD, 22.3.2014)

Kenneth Rogoff ist ehemaliger Chefökonom des IWF sowie Professor für Ökonomie und Public Policy an der Universität Harvard.

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