Offener Brief: Risiko für die zukünftige Innovationsfähigkeit Österreichs

Leserkommentar22. März 2014, 15:16
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Durch die Kürzungen im Wissenschaftsbudget droht Österreich die Abwanderung von Nachwuchsspitzenkräften

Sehr geehrter Herr Vizekanzler, sehr geehrter Herr Bundesminister Mitterlehner,

als Mitglied des Aufsichtsrats des Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung und Auslandsösterreicher mit beträchtlicher Erfahrung in der Europäischen und internationalen Forschungslandschaft muss ich meiner Sorge über die derzeitigen Entwicklungen des österreichischen Wissenschaftsbudgets Ausdruck verleihen. Ich möchte natürlich von außen die Grenzen des Budgets nicht beurteilen; ich bin aber überzeugt davon, dass begrenzte Mittel am besten im Wettbewerb vergeben werden.

Der FWF ist jene Organisation, die wissenschaftliche Forschungsmittel durch ein bewährtes und völlig unumstrittenes Begutachtungsverfahren in Österreich vergibt. Das kommt direkt den Universitäten und Forschungseinrichtungen zugute. Vor allem aber werden durch dieses System etwa 4.000 Nachwuchswissenschaftler gefördert. Diese werden heute durch angeleitete Forschung an die Spitze ihrer jeweiligen Wissensgebiete herangeführt. Morgen werden sie die Garanten der Innovationsfähigkeit unseres Landes sein.

Durch die geplanten und in der FWF-Aufsichtsratssitzung am 14. März besprochenen Budgetkürzungen kommt es nicht nur zu einer Halbierung dieser in FWF-Projekten ausgebildeten Nachwuchsspitzenkräfte. Durch die langfristige Bindung von Mitteln in Forschungsprojekten, die in der Regel über mehrere Jahre laufen, muss der FWF praktisch sofort einen Bewilligungsstopp aussprechen. Damit würde eine ganze Generation der besten Nachwuchskräfte verbrannt.

Zuletzt ist Ähnliches in Südeuropa durch die Folgen der Bankenkrise entstanden. Die Konsequenz ist, dass die besten Nachwuchstalente in andere forschungsstarke Länder abgewandert sind. Für die betroffenen südeuropäischen Staaten ist diese Abwanderung von Spitzenkräften eine Katastrophe. Warum Österreich ohne Not einen ähnlichen Weg einschlagen könnte, ist mir völlig unbegreiflich. Bitte bedenken Sie die enorme Hebelwirkung der vergleichsweise geringen Mittel, die der FWF vergibt.

Ich ersuche Sie dringend, die Argumente, welche die FWF-Führung vorbringt, zu berücksichtigen. Ansonsten könnten wir heute die zukünftige Innovationsfähigkeit unseres Landes verfrühstücken. (Peter Fratzl, Leserkommentar, derStandard.at, 22.3.2014)

Peter Fratzl ist Aufsichtsratmitglied des Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung und Direktor des Max-Planck-Instituts für Kolloid- und Grenzflächenforschung in Potsdam.

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