Ein Anschüttbild

21. März 2014, 17:30
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Das Mäzenatentum der Familie Dichand steigerte sich in der Wochenmitte zu einem wahren Rausch

Künstler können es ihren Mitmenschen nicht immer recht machen. Sind sie zu Lebzeiten erfolglos, bleibt ihnen neben einem Leben in Bescheidenheit nur die vage Hoffnung auf Ruhm und teure Ankäufe nach dem Ableben. Sind sie mit ihren Werken erfolgreich, bringen sie es zu Schlössern, in denen prallgefüllte Tresore von der Schüttkraft ihrer Arme zeugen -, und zum Neid ihrer Umwelt. Der kann sich in Versuchen materialisieren, entweder widerrechtlich an den Inhalt der Tresore zu gelangen oder das Interesse der Finanzpolizei zu erregen oder zum Objekt boulevardesker Häfenfantasien aufzusteigen. Hermann Nitsch ist dieser Tage nichts davon erspart geblieben.

Das Mäzenatentum der Familie Dichand steigerte sich in der Wochenmitte zu einem wahren Rausch, als die Kronen Zeitung mit der Meldung Finanz-Razzia im Schloss von Nitsch aufmachte, während sich der gleichgeschaltete Gratisableger mit Million im Tresor? Razzia bei Nitsch! nicht lumpen ließ. Im Blattinneren gebar "Heute" dann das Leitmotiv, auf das am nächsten Tag wieder die "Krone" ihre Leser einstimmte: Finanz-Razzia im Schloss von Blut-Künstler Nitsch. Die "Krone", bemüht, intellektuelle Distanz zum Gratisblatt zu wahren, sparte den Bindestrich und sprach ihr Vorurteil: Blutkünstler Nitsch droht Haftstrafe, und im Blattinneren: Blutkünstler Nitsch droht Gefängnisstrafe.

Nach einer Anzeige des Finanzamtes laufen Ermittlungen seit Jahresbeginn, informierte die "Krone" Mittwoch, was sie Donnerstag nicht hinderte zu schreiben: Wie der Blitz schlug die Nachricht in der Kunst-Szene ein: Einer der Urväter des Wiener Aktionismus (und der wohl umstrittenste heimische Maler) als mutmaßlicher Steuerbetrüger? Bewahrheiten sich die Vorwürfe, schmatzte das Blatt ob der Mutmaßlichkeit eines Steuerbetrügers, der auch noch der wohl umstrittenste heimische Maler ist, könnte Hermann Nitsch samt Gattin Gefängnis drohen.

Vielleicht eh nur der Gattin, wenn es nach der "Krone" geht. Denn Insider munkeln, dass für wirtschaftliche Belange ohnehin Nitschs viel jüngere Gattin verantwortlich gemacht werden müsse. Müsse! Ein Freund des Skandal-Malers: "Hermann selbst interessiert sich nicht für Geld. Er ist besessen von Kunst." Aber nicht nur, denn die "Krone" weiß von dem 75-Jährigen auch, dass er vor allem aufgrund seiner Tierblut-Aktionen polarisiert und stets in XXL-Kleidung eines Londoner Schneiders gehüllt auftritt.

Eine diabolische Kombination, hinter der nur eine Frau stecken kann - seine, die sich für seine umstrittenen Kunst-Aktionen mit Tierblut bemalen ließ und für (Negativ-)Schlagzeilen sorgte. Dreimal darf man raten, wo. Sie alleine soll Nitschs Finanzen regeln. Sagt auch der Detektiv, den sie angeheuert hat, um jenen Einbruch aufzuklären, der letztlich die Finanzpolizei auf den Plan rief. "Herr Nitsch ist aber der Einzige, der nichts dafür kann", so Guggenbichler zur "Krone". Denn sie halte die Fäden in der Hand. Falsche Angaben zum Tathergang, haltlose Anschuldigungen gegenüber Personen, die ihr ein Dorn im Auge waren und letztlich unbezahlte Rechnungen über 33.000 €. Spätestens bei Letzteren hatte er genug: Guggenbichler zog die Notbremse.

Dabei war es die Gattin, die ihn zur Aufklärung des Einbruchs engagiert hatte. Ein Fehler. Ich könnte mich in den Hintern beißen, teilte sie dem "Kurier" mit, der sich die Mühe gemacht hat, mit ihr zu reden. Ich hab' mich von Anfang an vor ihm gefürchtet. Und wir waren mit der Arbeit nicht zufrieden. Es kam, wie es kommen musste. Die Familie und der Detektiv zerstritten sich schließlich. Guggenbichler teilte seinen Verdacht, dass im Hause Nitsch Steuern hinterzogen werden könnten, der Finanz mit.

"Heute" raffte sich wenigstens zur üblichen Floskel von der Unschuldsvermutung auf. Der "Krone" genügte der Verdacht des Detektivs, sie schritt zur Exekution. Eine Fotomontage, die Nitsch vor einem seiner Bilder sitzend zeigt, bekam den hämischen Text: Langweiler Hermann Nitsch in ungewohnt amüsanten Nöten - wie das Leben halt manchmal so spielt. Und wie es so spielt, gab es auch den unvermeidlichen Jeannée zum Thema. Heute zündet Sie der private Schnüffler Guggenbichler bei der Finanz an. Derselbe, den Sie engagiert hatten, damit er Ihnen die halbe (oder ganze?) Million Kröten wiederbeschafft. Verkehrte Welt. Weshalb Sie nun als möglicher Steuersünder den Scherben aufhaben. Hermann "Hoeneß-Hartmann" Nitsch. So subtil wird nur selten verglichen. (Günter Traxler, DER STANDARD, 22./23.3.2014)

  • Hermann Nitsch.
    foto: apa-foto: georg hochmuth

    Hermann Nitsch.

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