"Man muss nicht in jedes Stück alles hineinpressen"

Interview21. März 2014, 18:52
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Regisseur Thomas Enzinger über Sehnsucht, die zerfallende Klassengesellschaft und die Premiere von Kálmáns Operette "Gräfin Marzia"

STANDARD: Herr Enzinger, ist die Operette noch zu retten?

Thomas Enzinger: Das ist die falsche Frage. Sie interessiert mich auch nicht, weil ich immer das mache, was mir Spaß macht - und Operette macht mir riesigen Spaß. Keith Richards von den Rolling Stones stand in den 1960er-Jahren immer auf den Listen derer, die als Nächstes sterben, auf dem ersten Platz, weil er so viele Drogen genommen hat. In einem Interview hat er dann später gesagt: Alle, die das geschrieben haben, leben nicht mehr, aber er schon. So ähnlich sehe ich die Operette. Man muss sie eben mit Ernsthaftigkeit und Freude betreiben - sie ist ein wichtiger Teil der Kulturgeschichte.

STANDARD: Auch die Oper wurde ja von Beginn an immer totgesagt.

Enzinger: Eben, und auch bei der Operette wurde, als die Stücke entstanden, gesagt, die Gattung sei schon wieder am Sterben - und heute gehören die großen Stücke zu den meistgespielten auf der Welt.

STANDARD: Allerdings sind Operetten schon meist extrem zeitgebunden, ihre damals aktuellen Bezüge sind nicht mehr unbedingt direkt verständlich. Wie gehen Sie mit dieser Problematik um?

Enzinger: Ich bin grundsätzlich der Meinung, egal bei welchem Genre, dass man Stücke nicht zwanghaft in heutigem Gewand zeigen muss. Man kann Sichtweisen auf ein Stück auch aus einer Zeit von damals zeigen. Das ist nichts Schlechtes - im Gegenteil. Gerade wenn man sich die Spiegelung dieser Zeit ansieht, etwa nach dem Ersten Weltkrieg, als viele verarmt waren und manche wahnsinnig reich geworden sind: Diese Kluft gibt es auch heute. Aber man muss nicht in jedes Stück alles hineinpressen. Es kann auch schön sein, einfach gute Unterhaltung zu machen und in Welten einzutauchen. Das heißt aber nicht, dass man Zeitbezüge einfach vergessen soll.

STANDARD: Sie haben es bei der Operette mit einer "Welt von gestern" zu tun - mit Standesunterschieden -, zu der wir heute eine gewisse Distanz haben. Ist es nicht schwer, diese zerfallende Klassengesellschaft, auf die die Gattung oft anspielt, lebendig zu machen?

Enzinger: Ein Stück wie Gräfin Mariza bedient natürlich diese Atmosphäre. Die Gesellschaft, die uns hier begegnet, giert nach Anerkennung und vor allem auch nach Geld. Das ist eine absolute Spaßgesellschaft - und die versuche ich hier auch zu zeichnen. Man muss sich nur einmal anschauen, wie schlecht sich gerade die heutige High Society zum Teil benimmt und zugleich prahlen möchte und sich als etwas Besseres fühlt. Auch diese Situation steckt in dem Stück drin. Aber trotzdem ist es auch eine schöne märchenhafte Geschichte. Da muss man die richtige Mischung finden.

STANDARD: Halten Sie die Geschichte auch ohne die historischen Stände für verständlich?

Enzinger: Unbedingt. Ganz wichtig ist im Stück die Sehnsucht nach einer verlorenen Welt, nach einer anderen Zeit. Ich habe auch den Text ein wenig verändert. Auch in der heutigen Zeit gibt es die Sehnsucht nach etwas, an dem man sich festhalten kann.

STANDARD: Bei der "Mariza" gibt es ja die merkwürdige Situation, dass die Wiener in Wien sitzen und sich nach Wien sehnen. Ist das typisch?

Enzinger: Schon a bissl. Das Stück spielt ja nicht in Wien, wurde hier aber uraufgeführt. Ich glaube, es ist weniger die Sehnsucht nach der Stadt, sondern nach der vergangenen Zeit. Das ist auch die Herausforderung, dass es auf dem Land spielt und man das auch bedienen muss, aber nicht in die Falle eines Folklore-Kitsches tappen darf.

STANDARD: Muss man nicht bei der Operette immer eine Beziehung zum Kitsch finden? In "Wiener Blut" haben Sie ja diesbezüglich an der Volksoper mit dem goldenen Schani Strauß aus dem Stadtpark einen ironischen Zugang gezeigt.

Enzinger: Ja, ich spiele auch gerne mit diesen Elementen. Aber sie brauchen starke Bilder. Aber Mariza eignet sich anders als Wiener Blut weniger für eine Satire. Ihr Charme liegt woanders, in der Melancholie. Gleichzeitig gilt es, das zu überhöhen. Denn Operette ist immer auch Hochglanz. Und das muss sie auch sein. (Daniel Ender, DER STANDARD, 22./23.3.2014)

Thomas Enzinger, geboren 1963 in Wien, arbeitet als Regisseur in den Sparten Oper, Operette, Musical und Schauspiel. Er wirkte auch in Fernsehserien wie "Kommissar Rex", "Die Neue" und "Medicopter" mit.

  • Sehnsucht nach etwas, das man nicht festhalten kann: Thomas Enzinger.
    foto: barbara pálffy / volksoper

    Sehnsucht nach etwas, das man nicht festhalten kann: Thomas Enzinger.

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