Verfrühte Ostereier, lupenrein und blütenweiß

21. März 2014, 17:12
posten

Von Julya Rabinowich

Was die einen als vorzeitig gelegte Ostereier mit Überraschungsfunktion empfinden, sehen andere als deren weit entfernte Verwandte, nämlich die hundertjährigen Eier, an. Gemeint ist die heftig vorgetragene Überraschung einiger Politiker und Geschäftspartner über Putins so plötzliche Mutation vom leiwanden Kerl zum Gottseibeiuns der Europapolitik.

Was für eine Überraschung! Jemand, der bewusst Menschenrechte in seinem Land erst nach und nach und dann immer zügiger beschneidet, ist zu so etwas fähig, wer hätte das je gedacht? Unvorstellbar! Jemand, dessen Tschetschenien-Politik auf Eskalation und noch mehr Eskalation setzt. Jemand, der Ramsan Kadyrow zum Leidwesen der Zivilbevölkerung, die aber im Politgeschehen eine mehr als zweitrangige Rolle spielt, als seinen bevorzugten Statthalter einsetzt.

Jemand, der gezielt Homosexuelle, die keinen großen Rückhalt in der Bevölkerung genießen, als Probeball benützt, um zu sehen, wie die große Mehrheit auf schrittweise Enteignung der demokratischen Rechte reagieren wird. Jemand, der Greenpeace-Aktivisten einsperren lässt, kritische Websites abdreht, ganz zu schweigen von der unseligen Allianz zwischen reaktionären kirchlichen Kräften und dem Master of Ceremony himself im Fall der Frauen von Pussy Riot.

So jemand marschiert auch unter dubiosen Umständen in Nachbarländer ein, wenn diese nicht das tun, was er von ihnen erwartet. Ob die Politik Europas nicht zu früh auf Provokation setzte, statt gemeinsame Lösungen zu suchen, steht wieder auf einem anderen Blatt.

Europäische Politiker, die Putin einen lupenrein blütenweißen Persilschein ausstellten, bevor sie Schlüsselpositionen bei der Gasprom einnahmen, runden den Eindruck des Fisches, der vom Kopf zum Stinken anfängt, olfaktorisch ab. Ebenfalls olfaktorische Noten verströmt die FPÖ, die mit großer Freude "Fact Finding Missions" in Russland unternimmt, um dort zu bestätigen, in Tschetschenien würden beinahe Milch und Honig fließen. Gudenus findet derzeit - begleitet vom Exkollegen Stadler - lupenreinste Wahlvorgänge auf der Krim vor. Vermutlich sind die durchsichtigen Wahlurnen nur der Transparenz geschuldet - oder der neuesten Mode.

Es hat eine gewisse Logik, dass Parteien, die die Pressefreiheit gern eingeschränkt sehen würden, denen Menschenrechte nicht das allererste Anliegen im Programm sind, sich von Großmächten mit totalitärem Einschlag angezogen fühlen. Vielleicht erhofft sich ja auch jemand einen einträglichen Gasprom-Job. Nicht unterschätzen sollte man den schon einmal zitierten, noch immer aktuellen Sowjetwitz: "An welche Staaten grenzt die Sowjetunion?" "An jene, an die sie grenzen will." (Julya Rabinowich, Album, DER STANDARD, 22./23.3.2014)

Share if you care.