Wer hat Angst vor Madeleine?

21. März 2014, 18:33
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Laura Freudenthalers Debüterzählband dreht sich um Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der Paarbeziehung

Erst einmal muss man Verlag und Autorin gratulieren. Keiner von beiden hat sich dem desaströsen Diktat der Branche gebeugt und einen weiteren erzwungenen Roman produziert. Im Jahre der Nobelpreisträgerin und Kurzgeschichtenmeisterin Alice Munro ist dieser Erzählband wie eine frische Brise unter den unzähligen gescheiterten Romanversuchen. Dafür sorgt die Autorin mit ihrem Schwung und der eigenwilligen Schreibart. Aber nicht nur dadurch werden die Erzählungen durch einen roten Faden gründlicher zusammengehalten als mancher Roman.

In Schade, my love geht eine junge Frau mit einem älteren Mann ins Bett. Das Klischee ist perfekt. Sie, eine Studentin, er ein Kunstprofessor. Sie weiß wenig, er alles. Sie schweigt, er redet sich in seine Erektion hinein. Alles kommt, wie es kommen soll. Im entscheidenden Moment wird der Professor jedoch zu einem adoleszenten Jüngling, sie zur Beobachterin der peinlichen Situation. Der Sex als leicht zugänglicher Lustgewinn entpuppt sich als Augenblick der unbequemen Wahrheit. Die Unreife zeigt sich als ein universelles Problem, das weder durch Intellekt, Bildung und sogar Alter zu tilgen ist.

Eine Geschichte später spaltet Madeleine ihrem Geliebten aus Verzweiflung den Schädel. Es geschieht so leichtfüßig, dass man schon vor ihr Angst haben muss. Aber ist sie nicht diejenige, die Angst hat? Davor, dass die Manipulation im Schafspelz der Liebe daherkommt? Davor, dass der verliebte und der wirkliche Mensch niemals derselbe ist. Und schließlich die Angst, sich in ein vom Mann und der männlich geprägten Gesellschaft gemachtes Wesen zu verwandeln. Gut sichtbar wird dies in der Erzählung Kampfhundalltag. Eine Frau lebt in einer missglückten Beziehung und beißt so lange die Zähne zusammen, bis sie sich schließlich in einen Kampfhund verwandelt, und das nicht nur im übertragenen Sinn.

Beziehungsaufprall

Mit solchen Bildern wirft uns die belesene Autorin auf eine originelle Art in ein wohl bekanntes Thema. Sie fragt mal dezent, mal direkt: Was stellt der Mensch mit dem anderen Menschen wirklich an? Insbesondere wenn einer von ihnen eine Frau und der andere ein Mann ist. Diese Frage ist alt, und noch immer ist weit und breite keine Lösung in Sicht. Man schüttelt zu Recht den Kopf: Womit hat die Menschheit in den vielen Jahrtausenden bloß ihre Zeit verschwendet?

Eine mögliche Antwort könnte die letzte Geschichte bieten. Eine Frau besucht einen ehemaligen Freund, den sie Ritter Georg nennt. Nicht etwa, um Sex zu haben, nicht einmal über die alten Zeiten zu reden, sondern um sich von ihm ein Märchen erzählen zu lassen. Das tut ihr gut, weil sie angeschlagen ist. Da ist der Alltag, ein großer Beziehungsaufprall und noch etwas, was sie selbst nicht versteht. Von der Welt da draußen ist weder Trost noch Heilung zu erwarten. Also geht es zurück in die Zeit, als Taten noch Symbolwert hatten und man ernsthaft mit dem Teufel rechnen musste.

Ritter Georg, der nur ein Mensch und doch ritterlich genug ist, um die Erzählkraft aufzubringen, berichtet ihr von Hänsel und Gretel. So lange, bis sie sich beide in diese zu verwandeln scheinen. Das Märchen und die Magie als Ausweg aus unserer vertrockneten, digitalen und egoistischen Welt? Spätestens hier hat das Buch viele Fragen im Leser wachküsst. Seit wann gehen Liebe und Sex so gründlich getrennte Wege? Kann heute noch jemand romantisch genug sein, um die evolutionäre Seite unserer Natur zu ignorieren? Wo sind bloß unsere "Ichs", wenn wir sie am meisten brauchen? Ganz zu schweigen davon, was die rätselhafte Buchwidmung bedeutet?

Laura Freudenthaler hat sich in ein tiefes und gefährliches, weil stark befahrenes Gewässer begeben. Doch sich selbst und dem Leser zuliebe hat sie es mit großer Aufmerksamkeit und Intensität überquert. Der Leser steigt als der größte Profiteur heraus. Und während die mutige Schwimmerin sich inzwischen hoffentlich zu einer neuen literarischen Überquerung aufmacht, nehmen wir uns gern die Zeit, das Buch ein zweites Mal zu lesen. Denn um es mit einem Klassiker zu sagen: Ein Buch, das nicht wert ist, zweimal gelesen zu werden, braucht man auch nicht einmal lesen. (Radek Knapp, Album, DER STANDARD, 22./23.3.2014)

  • Hinweis: Laura Freudenthaler liest am 26. März um 19 Uhr in der Österr. Gesellschaft für Literatur, 1., Herrengasse 5, aus dem besprochenen Band. Am selben Abend liest auch ihr Verlagskollege Lucas Palm aus seinem Romandebüt "Weg von hier".
  • Laura Freudenthaler, "Der Schädel von Madeleine". € 19,00 / 126 Seiten. Müry-Salzmann, Salzburg 2014
    cover: müry-salzmann

    Laura Freudenthaler, "Der Schädel von Madeleine". € 19,00 / 126 Seiten. Müry-Salzmann, Salzburg 2014

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