Lob der Affentechnik

23. März 2014, 18:21
2 Postings

Uns verbinden 99,9 Prozent genetische Verwandtschaft mit den Schimpansen. Aber verhalten wir uns auch äffisch genug? Was wir, bevor wir seriell implodieren, von der Affentechnik lernen können.

Aufgeregte Kinder und Affen hüpfen herum, die Kinder kommen dann allerdings in die Schule und lernen zu implodieren, und als Erwachsene können sie das dann besonders gut. Wir werden also öfter einmal zu Kesseln ohne Sicherheitsventil. Das bedeutet, wir müssen die Spannung, die bereits durch leicht erhöhte Aufmerksamkeit entsteht, halten. Das wird, je höher die Aufmerksamkeit steigt, immer anstrengender.

Wenn ein Affe einem Tiger begegnet, so widmet er diesem die höchste Aufmerksamkeit. Gleichzeitig ruft sein Gehirn ein Muster ab, das auf Kampf oder Flucht vorbereitet: Dopamin stimuliert die Nebenniere, die berühmten Stresshormone zu produzieren, die dann wiederum das Gehirn beim Umbau von Mustern im gesamten Organismus braucht. Sich auf Kämpfen/Flüchten vorzubereiten braucht eine erhöhte Muskelspannung, was eine andere Versorgung der Muskelzellen mit Nährstoffen und Sauerstoff bedingt, was wiederum durch eine Änderung der Herzschlagfolge und der Atmung geschieht.

Tunnelblick

Gleichzeitig wird das Blut von fürs Kämpfen weniger gebrauchten Bereichen wie Verdauung und Sexualorganen zu den Muskeln umgeleitet. Auch im Gehirn verändert sich so manches. Der Affe nimmt nun immer mehr nur den Tiger wahr (Tunnelblick), das Spüren wird reduziert, das Immunsystem stellt auf Bakterienbekämpfung (Bisswunden) um, was Viren jetzt mehr Möglichkeiten einräumt, und die Datenverarbeitung (Hippocampus) wird eingeschränkt.

Cortisol ist ein sehr mächtiges Hormon, das sich in viele organische Prozesse einmischt. Für den Menschen bedeutet das, je mehr Stress, desto mehr Arbeitsbremsen im Gehirn, und das Spannunghalten (Tiger betrachten = z. B. schwierige Aufgabe unter Zeitdruck lösen) erschöpft zusätzlich. Dazu müssen wir im Arbeitsleben neben der Autopilotfunktion auch den frontalen Cortex strapazieren - es sollen ja keine Fehler geschehen.

Auswege finden

Den ganzen Tag wie ein Affe auf den Tiger starren, das geht nicht. Dafür sind wir auch nicht gebaut. Wo liegt der Ausweg?

Nun, etwas, das wir schon einmal konnten, als wir noch kleine Kinder waren: Uns perfekt dem Kämpfen/Flüchten-Muster hingeben und explodieren, statt zu implodieren. Natürlich nicht durch Chefs-Beißen oder Schreiend-Davonlaufen, wozu haben wir unseren Frontallappen?

Kurz aufspringen, Stiegen raufrennen, auf einen Boxsack schlagen. Und wir können wieder klar denken, die Verdauung darf sich normalisieren, den Sexualorganen geht's auch besser, was das Kinderzeugen, -empfangen und -kriegen wesentlich verbessern kann. Explodieren braucht nicht viel Zeit, aber Intensität.

Wieder klar denken

Affentechnik läßt den Cortisolspiegel rasch abfallen, wir können wieder klar denken und Nervenzellen brennen nicht wegen Überhitzung aus.

Burnout kann laut Studien nämlich eine viel dramatischere Bedeutung im Hirn haben, als uns lieb ist. Das Fight-or-flight-Muster läuft übrigens völlig autonom, und wenn unser Gehirn sich in seiner Arbeit und Leistung verändert, teilt es sich das nicht selbst mit. Wir kriegen den Prozess also kaum wirklich mit. In einigen Unternehmen hängen Boxsäcke und Handschuhe. Die Wirkung ist deutlich messbar. (Johann Beran, DER STANDARD, 22./23.3.2014)

Johann Beran ist klinischer und Neuropsychologe, Arbeitspsychologe und internationaler Organisationsbehandler.
Praxis Beran

Share if you care.