Wenn Wasser zur Mangelware wird

21. März 2014, 14:00
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Bevölkerungswachstum und Klimawandel sind die Hauptgründe für zunehmenden Wassermangel. Den größten Hebel gibt es in der Landwirtschaft

Wien - Wasser, so weit das Auge reicht. Wo tags zuvor noch blühende Wiesen waren, ist plötzlich nichts als braune Brühe. Nur bei genauerem Hinsehen merkt man, dass die Wassermassen langsam wieder abfließen. Eine Szene aus einem Film? Nein. Eine Szene aus Oberösterreich anno 2013. Was sich da im vergangenem Sommer abgespielt hat, war übrigens die zweite Jahrhundertflut binnen elf Jahren im Land ob der Enns.

Und dann spricht man von Wassermangel? Ja. Denn Überschwemmungen sind die Kehrseite ein und derselben Medaille. Einerseits gibt es in vielen Teilen der Welt immer weniger Niederschläge. Die Folge davon ist, dass die Wüstenbildung weiter voranschreitet. Andernorts gibt es hingegen zu viel davon. Und dieses Zuviel kommt immer häufiger in Form von Sturzregen, auch das mehr Fluch als Segen.

Wetterextreme durch Klimawandel

Wissenschafter wie Jacob Schewe vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung sehen den Hauptgrund für die Zunahme der Wetterextreme im Klimawandel. "Aufgrund unverminderter CO2-Emissionen könnten noch in diesem Jahrhundert rund 40 Prozent mehr Menschen dem Risiko absoluter Wasserknappheit ausgesetzt sein, als es ohne Klimaänderungen der Fall wäre", bringt Schewe die Sache im Gespräch mit dem Standard auf den Punkt.

Schewe ist Leitautor einer Studie zu diesem Thema (im Rahmen des Inter-Sectoral Impact Model Intercomparison Project; ISI-MIP) die im Vorjahr durchgeführt wurde. Sie basiert auf Berechnungen elf verschiedener hydrologischer Modelle, in die Daten fünf globaler Klimamodelle eingeflossen sind - ein Ensemble von Simulationen, das es so noch nie gegeben hat und das in Kooperation mit Forschungsgruppen aus der ganzen Welt entstanden ist.

Größter Wasserverbrauch in der Landwirtschaft

"Der größte Hebel, mit dem man ansetzen könnte, ist die Landwirtschaft," sagt Schewe. "Dort wird das meiste Wasser verbraucht."

Während im Jahr 1970 weltweit erst 170 Millionen Hektar landwirtschaftliche Flächen bewässert worden waren, sind es 2008 schon rund 308 Millionen Hektar gewesen. Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass die landwirtschaftliche Produktion bis zur Mitte dieses Jahrhunderts noch einmal um fast ein Fünftel mehr Wasser benötigen wird, Regenwasser mit eingerechnet. Dem UN World Water Development Report 2012 zufolge wird die Bewässerung von Flächen um rund elf Prozent steigen.

Trügerischer Haushaltsverbrauch

Mit 70 Prozent ist die Landwirtschaft jetzt schon die weltweit größte Wasserverbraucherin. Industrie (Prozesswasser) und Energieversorger (Wasserkraft) folgen mit einem Anteil von zusammen 20 Prozent. Haushalte verbrauchen demnach nur zehn Prozent des Wassers. Doch diese Zahl täuscht, weil es dabei allein um den direkten Verbrauch geht.

"Es ist weniger das, was wir trinken oder zum Waschen brauchen, was zählt," sagt Schewe, der Forscher aus Potsdam, "für das Gemüse und Getreide, das wir essen und speziell für das Fleisch wird unvergleichlich viel mehr Wasser verbraucht." In jedem Kilo Rindfleisch, das irgendwo auf der Welt herangemästet wurde, stecken in etwa 15.500 Liter Wasser, "virtuelles Wasser".

Wasserabdruck

Den Begriff "virtuelles Wasser" hat der inzwischen emeritierte Londoner Geografieprofessor John Antony Allan Mitte der 1990er-Jahre geprägt. Die Menge entspricht etwa 80 gut gefüllten Badewannen. In dem Kilo Gulasch ist nur ein Bruchteil dieser Flüssigkeit enthalten, etwa 700 Milliliter. Umgerechnet auf das Schlachtgewicht, hat das Rind bis zum Tod auf der Schlachtbank gerade einmal 100 bis 200 Liter getrunken. Den Löwenanteil von bis zu 79 Badewannen benötigten Gras und Getreide zum Wachsen, mit dem das Rind während seines kurzen Lebens gefüttert wurde.

Weil die westliche Welt viele Nahrungsmittel importiert, sei sie bis zu einem gewissen Grad auch mitverantwortlich für Regionen, die unter Wasserknappheit leiden, meint man beim World Wide Fund for Nature (WWF). Diesen Zusammenhang illustriert der sogenannte Wasserfußabdruck ziemlich gut. Analog zum CO2-Fußabdruck, der die individuelle Umweltlast in Tonnen Kohlendioxid umrechnet, addiert der "water footprint" all das Wasser, das in anderen Teilen der Welt genutzt wurde, um die bei uns konsumierten Güter zu produzieren. Deshalb plädieren einige Wissenschafter für Verzicht, darunter auch der "Erfinder" des Wasserfußabdrucks, Arjen Y. Hoekstra von der Universität Twente in Enschede, Niederlande. Jeder könne seinen persönlichen Wasserfußabdruck reduzieren, indem er oder sie ganz einfach weniger Fleisch, Zucker, Kaffee, Schokolade oder Baumwolle kaufe.

Nur 2,5 Prozent Süßwasser

Das wird in Zukunft die große Herausforderung. Denn die Menge verfügbaren Wassers wird sich reduzieren, und das hat wiederum unmittelbare Auswirkungen auf die Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln. Die auf der Erde vorkommende Wassermenge wird auf gewaltige 1,4 Milliarden km³ geschätzt. Davon sind aber 97,5 Prozent Salzwasser und nur 2,5 Prozent Süßwasser, was in etwa 35 Mrd. km³ entspricht. Davon sind wiederum 68 Prozent in Gletschermassen und ständiger Schneedecke gebunden. Etwa 30 Prozent macht das Grundwasservorkommen aus, knapp ein Prozent Bodenfeuchtigkeit, Dauerfrost und Sumpfwasser. Nur 0,3 Prozent des Süßwassers werden in Flüssen und Seen geführt.

"Wassermanagement, faire Wasserverteilung, dezenter Umgang mit Wasser - das ist ein Gebot der Stunde angesichts des fortschreitenden Klimawandels und des absehbaren Bevölkerungswachstums auf neun Milliarden", sagt Studienautor Schewe. "Es gibt eine klare Korrelation zwischen dem Anstieg der Durchschnittstemperaturen und der Zunahme absoluter Wasserknappheit." Von absoluter Wasserknappheit spricht man, wenn weniger als 500 Kubikmeter Wasser pro Jahr und Nase zur Verfügung stehen.

Entschärfung durch richtige Bewässerung

Am meisten betroffen von absoluter Wasserknappheit sind laut Schewe Länder in Afrika, dem Nahen und Mittleren Osten sowie Teile Chinas. Durch richtige Bewässerungsmethoden ließe sich die Situation entschärfen. Wasserentsalzung könne punktuell eine Lösung sein, um lokale Trinkwasserprobleme in den Griff zu bekommen. "Das in großem Maßstab zu betreiben wäre aber viel zu teuer," sagt Schewe. Es sei wesentlich sinnvoller, gegen den fortschreitenden Klimawandel vorzugehen. Und billiger wäre das obendrein. (Günther Strobl, DER STANDARD, 22.3.2014)

  • Wasser ist Leben, kein Wasser heißt Tod. Nur 2,5 Prozent des auf der Erde vorkommenden kostbaren Guts ist Süß-, der Rest Salzwasser.
    foto: dpa/patrick pleul

    Wasser ist Leben, kein Wasser heißt Tod. Nur 2,5 Prozent des auf der Erde vorkommenden kostbaren Guts ist Süß-, der Rest Salzwasser.

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