Wiener Spezialist Kubista will Ausstiegsszenarien für Frauen

20. August 2003, 13:13
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Aber: "Man sollte keine Panik lostreten"

Wien (APA) - Die Österreichische Krebshilfe hat auf Grund von Mega-Studien in den USA und Großbritannien gewarnt: Eine Hormonersatztherapie in der Menopause kann das Brustkrebsrisiko sogar verdoppeln. Für Univ.-Prof. Dr. Ernst Kubista, Vorstand der auf Brustkrebs spezialisierten Abteilung für Spezielle Gynäkologie an der Wiener Universitäts-Frauenklinik sind diese Studien wichtig. Gleichzeitig müsse man betroffenen Frauen aber auch positive Ausstiegsszenarien anbieten, erklärte er.

Zum Wert der Studien

Kubista - seine Abteilung begeht in den kommenden Wochen ihren zehnten "Geburtstag" mit einem hochrangigen wissenschaftlichen Symposium zum Thema Mammakarzinom - ist bezüglich der Qualität der Studien aus den USA und Großbritannien überzeugt: "Diese Studien sind von Leuten gemacht worden, die sich hingesetzt haben und genau nachgedacht haben, was sie tun. Sie sind zum Gutteil randomisierte (Zufallsauswahl der Probandinnen, Anm.), placebo-kontrollierte (Scheinmedikament, Anm.) doppelt-blind-Studien (niemand weiß, wer was einnimmt, Anm.) und entsprechen der akzeptieren rigorosesten Form von wissenschaftlichen Untersuchungen. Die Studien haben eine lange Beobachtungszeit und eine ausreichend große Fallzahl."

Fazit für den Experten: "Man kann also nicht sagen, diese wissenschaftlichen Studien gehen uns nichts an. Die Wissenschafter, die sie durchführten, sind im Grunde Pioniere. Sie haben uns zu einem Wissen gebracht, das wir bezüglich der Hormonsubstitution nicht gehabt haben. Dosierungen wie in diesen Studien und die verwendeten Medikamente werden auch in Österreich eingesetzt. In der britischen Beobachtungsstudie mit eine Million Teilnehmerinnen (The Lancet, 9. August, Anm.) ist auch nicht nur ein Hormonpräparat untersucht worden, sondern gleich mehrere und auch noch in unterschiedlicher Dosierung." Man könne diese Untersuchungen nicht einfach negieren.

Folgerungen

Die Konsequenzen, die sich für die Hormonsubstitution laut Kubista derzeit ergeben:

- Hormonersatz für Frauen im Wechsel nur noch bei schweren und nicht mehr annehmbaren klimakterischen Beschwerden.

- Ein kombinierter Hormonersatz von Gestagenen und Östrogenen nicht mehr länger als drei Jahre.

- Strikte Überwachung der Patientinnen unter Hormonersatz bezüglich der Entstehung von Brust- und Gebärmutterkrebs.

- Keine Langzeittherapie per Hormonersatz gegen Osteoporose (Knochenschwund).

- "Frauen, die einen Hormonersatz zehn Jahre oder länger erhalten, sollte man davon wegbringen."

- "Die Verwendung von Hormonen für 'Anti-Aging' und als 'ewiger Jungbrunnen' hat ausgespielt."

"Keine Panik"

Kubista will aber bei den betroffenen Frauen unter Hormonersatz keine Beunruhigung schüren: "Man sollte keine Panik lostreten. Wir müssen den betroffenen Frauen eine Ausstiegsstrategie bieten. Wir sollten also die Positiva aus diesen wissenschaftlichen Studien voran stellen: Auch Frauen, die nach neun Jahren mit der Hormonersatztherapie aufhören, haben nach einem weiteren Jahr ein ähnliches Brustkrebsrisiko wie Nicht-Anwenderinnen. Das ist viel besser als beim Rauchen, bei dem Ex-Raucher jahrelang eine erhöhte Gefährdung mitschleppen."

Der Wiener Spezialist: "Panikreaktionen sollte man auf jeden Fall vermeiden. Auf der anderen Seite sollte man den Druck von den Frauen wegnehmen, dass sie mit dem Eintritt in die Wechseljahre auf jeden Fall eine Therapie benötigen oder sonst dem 'vollkommenen psychischen und körperlichen Verfall' preisgegeben seien. Ich habe schon Frauen gesehen, die noch mit regelmäßigen Blutungen hatten und nach einer Behandlung nachfragten."

Minimierung der Risiken

Für Kubista war vor allem die kolportierte "Jungbrunnen"-Wirkung der weiblichen Geschlechtshormone falsch: "Hormone sind äußerst wirksame Substanzen, die - wie jedes andere Medikament - eine entsprechende Indikation (Rechtfertigung einer Anwendung, Anm.), eine entsprechende Dosierung, eine angepasste Anwendungsdauer und die Aufzeichnung von Wirkung und Nebenwirkungen benötigen."

Der Spezialist warnte vor ähnlichen Entwicklungen in der so genannten Männer-Medizin: "Da könnte mit dem bereits manchmal angepriesenen Hormonersatz (Androgene, Anm.) etwas Ähnliches wie bei den Frauen geschehen. - Und nach einigen Jahren sieht man dann, dass sich bei den Männern beispielsweise die Rate der Prostata-Hyperplasien (gutartiges Wachstum der Vorsteherdrüse, Anm.) oder der Prostatakarzinome erhöht hat."

Risiken sollten in groß angelegten Studien einfach vor der breiten Anwendung von Therapien oder Prophylaxe-Maßnahmen bestimmt werden. Umso mehr müsse das für die Vorbeugung (Prophylaxe) von Symptomen und Krankheiten gelten. Kubista: "Da behandelt man ja gesunde Menschen bzw. Menschen, die noch gar keine Symptome haben." Hier müssten die Risiken einer medizinischen Maßnahme besonders gering sein. Sonst könne man sie nicht vertreten. (APA)

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