"Die Krise schweißt die Chavistas zusammen"

21. März 2014, 00:25
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Einen Monat nach Beginn der gewaltsamen Proteste steckt Venezuela in der Sackgasse

Caracas/Puebla - "Das Durchschnittsalter der Demonstranten auf der Plaza Altamira liegt zwischen 19 und 22: Sie sind vermummt und behaupten, fürs Vaterland zu kämpfen. Das Durchschnittsalter der Soldaten der Nationalgarde liegt zwischen 19 und 22: Sie tragen Uniform und behaupten, für Venezuela zu kämpfen." So beginnt eine Reportage der Journalistin Laura Weffer über den Grabenkrieg in Venezuela, den sich sozialistische Regierung und bürgerliche Opposition seit über einem Monat liefern.

Leider ist ihr Werk nur in Blogs und sozialen Netzwerken zu lesen, denn dem Direktor der Zeitung Ultimas Noticias gefiel es nicht, dass Weffer beide Seiten gleichermaßen zu Wort kommen lässt - ein Armutszeugnis.

Verständigung unmöglich

Politisch und wirtschaftlich ist das Land in einer Sackgasse: Es liefern sich zwei verfeindete, in etwa gleich große Lager einen Stellungskrieg. Sie nennen es je nach Zugehörigkeit Demokratie versus Diktatur oder Sozialismus versus faschistische Ausbeuter. Eine Verständigung scheint unmöglich.

Der Slogan der Demonstranten ist "SOS Venezuela", doch anders als im Fall der Ukraine schaut der Rest der Welt weg - oder stellt sich hinter die Regierung; was daran liegt, dass momentan viele Länder Lateinamerikas links regiert werden oder am Tropf der venezolanischen Petrodollars hängen.

In Ländern wie Kolumbien und Brasilien stehen Wahlen an; man will sich nicht die Finger verbrennen. Und die USA haben zwar scharfe Worte gefunden, dem aber keine Taten folgen lassen. Durch die rezente US-Schiefergasrevolution hat Caracas kaum mehr eine strategische Bedeutung für Washington.

Den Konflikt müssen die Venezolaner also wohl unter sich ausmachen. Dass ein Dialog die sinnvollste, vielleicht sogar die einzige Lösung ist, wiederholen wohlmeinende Experten gebetsmühlenartig. Trotzdem ist dies die unwahrscheinlichste Lösung.

Die Opposition fordert als Vorbedingung die Freilassung aller politischen Häftlinge und ein Ende der Repression; die Regierung will sich von "Putschisten" nicht erpressen lassen und ist nicht bereit, Hugo Chávez' Erbe anzutasten. Solange die drei Eckpfeiler der Macht - der staatliche Erdölkonzern PDVSA, das Militär und die Armenviertel - hinter Präsident Nicolás Maduro stehen, wird sich daran nichts ändern.

"Die Krise schweißt die Chavistas zusammen", sagt der Universitätsprofessor Javier Corrales. Maduro spielt auf Zeit und hofft, dass sich die Opposition aufreibt und spaltet. Gewinner gibt es keine, so der Meinungsforscher Luis Vicente Leon. "Wir Venezolaner verlieren, weil auf beiden Seiten Menschen sterben. Die Proteste schlagen für Maduro negativ zu Buche; auch international hat er durch die Repression Glaubwürdigkeit eingebüßt. Die Opposition hat Umfragen zufolge ebenfalls an Prestige, Zusammenhalt und Überzeugungskraft eingebüßt. Und die Studenten, die die Proteste tragen, sind Geisel einer radikalen Minderheit geworden." (Sandra Weiss, DER STANDARD, 21.3.2014)

  • Protest in Caracas
    foto: ap/esteban felix

    Protest in Caracas

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