Der Este Taavi Rõivas wird jüngster Premier der EU

Kopf des Tages20. März 2014, 20:12
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Mit 34 Jahren schon ein Politik-Veteran

Bis vor kurzem war er selbst in Estland für kaum jemanden ein Begriff - doch jetzt sieht alles danach aus, als würde Taavi Rõivas mit seinen 34 Jahren der jüngste Regierungschef der EU werden. Der bisherige Sozialminister wurde vergangene Woche in einer Art Feuerwehraktion zum Kandidaten für das Amt des Regierungschefs ernannt. Und tatsächlich: In Rekordzeit gelang es dem ausgebildeten Exportkaufmann, einen fliegenden Koalitionswechsel von den Nationalisten zu den Sozialdemokraten auf die Beine zu stellen.

Der selbst für baltisch-neodemokratische Verhältnisse junge Politiker erhielt eine Menge Vorschusslorbeeren. Allgemein hofft man in Estland auf das Ende einer verfahrenen politischen Kultur. Die zunehmende Zerrüttung zwischen der turbowestlich orientierten Reformpartei und den eisernen Nationalisten vom Bündnis IRL hatte zu einem politischen Stillstand geführt, der das ehemalige Vorzeigeland ins matte Mittelmaß zurückfallen ließ. Langzeitpremier Andrus Ansip hatte vor drei Wochen wohl auch deshalb das Handtuch geworfen.

Trotz seiner jungen Jahre verfügt Rõivas über ein ansehnliches politisches Erfahrungsspektrum: Mit 24 Jahren wurde er Büroleiter im Bevölkerungsministerium, anschließend fungierte er als Bezirksbürgermeister im Tallinner Stadtteil Haabersti.

2005 holte ihn Premier Ansip in die Staatskanzlei, und seit 2007 sitzt Rõivas im Parlament. Dort leitete er bereits den Finanzausschuss und den Europaausschuss.

Privat ist der smarte Aufsteiger mit TV-Starlet Luisa Värk liiert, aber nicht verheiratet. Mit ihr hat er eine Tochter.

Politisch sorgte Rõivas gemeinsam mit seinem künftigen Koalitions-Vize, dem mit 40 Jahren auch nicht gerade hochbetagten Sven Mikser, bereits für Überraschungen: Das Regierungsprogramm enthält Steuererleichterungen für Bezieher niedriger Einkommen und bessere Rechte für die russische Sprachminderheit. Angesichts der gegenwärtig sehr brisanten Lage in der Ukraine und auf der Halbinsel Krim könnte sich das als ziemlich kluger Schritt erweisen.

Bildungsminister soll ganz nebenbei der russischstämmige Millionärssohn Jevgeni Ossinovski werden. Dieser wiederum lässt mit seinen 28 Lenzen seinen zukünftigen Chef schon fast selbst wieder alt aussehen. (Andreas Stangl/DER STANDARD, 21.3.2014)

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    foto: albert truuväärt
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