Paris bekommt erstmals eine Bürgermeisterin

21. März 2014, 05:30
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Am Sonntag treten die Sozialistin Anne Hidalgo und die Bürgerliche Nathalie Kosciusko-Morizet gegeneinander an

Es sind zwei Alphafrauen, standfest und geeicht im nationalen Scheinwerferlicht, dazu fest entschlossen, über eine Weltstadt von mehr als zwei Millionen Einwohnern zu herrschen. Doch morgens um acht bringen sie zuerst einmal ihre Kinder zur Schule - wie alle Pariserinnen, die in dem Hauptstadtchaos auf wundersame Weise Arbeit und Familie vereinen.

Die eine, die Sozialistin, ist Anne Hidalgo. In Spanien geboren, in Frankreich in einfachen Verhältnissen aufgewachsen und im Alter von 14 Französin geworden, ist die 54-Jährige die rechte Hand des abtretenden Bürgermeisters Bertrand Delanoë, der das Pariser Rathaus 2001 erstmals für die Linke eroberte und die Stadt als Homosexueller stark liberalisierte. Die Rechte wirft Hidalgo vor, sie sei ein Delanoë-Produkt, sein Apparatschik und politischer Abklatsch. Die dreifache Mutter bleibt aber freundlich gelassen und verteilt auf den Marktplätzen der Hauptstadt ihre "bises" (Wangenküsschen), als hätte sie die Wahl längst gewonnen.

Aus der Haute Société

Die andere, die Bürgerliche, ist Nathalie Kosciusko-Morizet. "NKM", wie sie sich der Einfachheit halber nennen lässt, hat polnische Ursprünge; ihre Eltern und Großeltern machten aber in Frankreich Karriere als Diplomaten oder Politiker und gehören seit langem zur Haute Société von Paris. Die 40-jährige Ex-Umweltministerin, die zwei Kinder hat, zählt in ihrer Partei UMP zur "génération Sarkozy"; sie gibt sich gerne unorthodox und ließ sich auch schon bei der Zigarettenpause mit Clochards fotografieren. Die Linke erklärt, solche libertären Auftritte kaschierten nur die Abhängigkeit von den reaktionären Großbürgerdynastien. Etwas verbindet Hidalgo und Kosciusko-Morizet: Beide werfen der Gegenseite Sexismus vor. UMP-Tenore betitelten Hidalgo schon abschätzig als "concierge", was perfid auf die vielen iberischen Hauswartinnen in Paris anspielt.

Progressiv und ökologisch

NKM wiederum wird links als "Marie-Antoinette in Bluejeans" bezeichnet, weil sie wie eine Blaublütige wirke, die sich dem Volk mit Lederjacke und offenem Haar anbiedere. Nicht nur die beiden Kandidatinnen, auch ihre Wahlprogramme geben sich progressiv und ökologisch. Auf den jüngsten Smogalarm in Paris reagierend, sagen beide dem - in Frankreich noch sehr verbreiteten - Diesel-Benzin den Kampf an und wollen den städtischen Fahrzeugpark durch E-Autos ersetzen.

Nach dem flächendeckenden und rundum erfolgreichen Verleih von Fahrrädern (Vélib') sowie Elektroautos (Autolib') plant Hidalgo einen dritten für Motorräder (Scootlib'), um die chronischen Verkehrsstaus zu vermindern. Damit Paris trotz seiner astronomischen Quadratmeterpreise keine "Stadt der Reichen" wird, will sie langfristig 30 Prozent Sozialwohnungen einrichten; die Stadt soll dazu sogar selbst Wohnraum erwerben und billig abgeben. Große Plätze wie Bastille, Panthéon oder Montparnasse will Hidalgo fußgängertauglich machen. Selbst die Dächer von Paris will sie begrünen, sodass die Citoyens, wie sie sagt, dort Tomaten pflanzen können.

Kosciusko-Morizet verspricht mehr Polizisten, gibt sich sonst aber auch aufgeschlossen und verspricht ein Neubauprogramm gegen die Wohnungsnot und die hohen Mieten. Sie plant zudem eine "vernetzte Stadt" sowie eine umfassende "Zeitrevolution", um den veränderten Lebensrhythmen der Großstadt Rechnung zu tragen. So sollen Krippen eine gleitende Betreuung erhalten, Läden und vereinzelt auch Ämter und Bibliotheken bis spätabends, sowie sonntags, offen halten; und die U-Bahn soll nicht mehr bis um halb eins, sondern bis zwei Uhr nachts verkehren.

"Grünes Mäntelchen"

Hidalgo kontert, ihre bürgerliche Widersacherin umgebe sich mit einem grünen Mäntelchen; in Wahrheit sei diese für eine komplette Neuasphaltierung der Ringautobahn. NKM nennt die regierenden Sozialisten dafür einen "Verein der im Dienstwagen Verkehrenden", der die übrigen Einwohner mit Mieträdern abspeise. Sie selbst nimmt die Metro und preist sogar deren "Charme" und "unglaubliche Bekanntschaften". Das Internetecho fragte höhnisch zurück, worin wohl der Reiz bestehe, zu Stoßzeiten in eine lärmige und stinkende Ratterbahn gepfercht zu sein. "Ich glaube ja gerne, dass NKM den Charme der U-Bahn entdeckt hat", meinte einer via Twitter. "Aber bitte, in welcher Stadt?"

Als Wahlfavoritin gilt Anne Hidalgo, auch wenn ihre günstigen Umfragewerte durch das komplizierte Wahlsystem in Paris zu relativieren sind. Die Sozialistin profitiert vom guten Image ihres Vorgängers Delanoë, leidet aber wohl auch unter der Unpopularität ihres Parteifreundes François Hollande. Kosciusko-Morizet kämpfte bisher erfolglos gegen den schlechten Ruf der Pariser Rechten, die zu Tiberis Zeiten sogar Tote wählen ließ. In ihrem Lager häufen sich zudem Dissidenzkandidaten, die ihr schwer zu schaffen machen. (Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD, 21.3.2014)

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    foto: apa/epa/valat
  • Anne Hidalgo (oben) gegen Nathalie Kosciusko-Morizet: Die "Concierge" kämpft gegen die "Marie Antoinette in Jeans" um die Nachfolge von Bürgermeister Delanoë.
    foto: apa/epa/langsdon

    Anne Hidalgo (oben) gegen Nathalie Kosciusko-Morizet: Die "Concierge" kämpft gegen die "Marie Antoinette in Jeans" um die Nachfolge von Bürgermeister Delanoë.

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