Die Geografie der Soziologie an der Seine

21. März 2014, 05:30
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Die "Bourgeois-Bohèmes" sind in Frankreichs Hauptstadt wahlentscheidend

Wenn beide Kandidatinnen der tausendjährigen Lichterstadt ein grünes, digitales und trendig urbanes Zukunftskleid verpassen wollen, kommt das nicht von ungefähr. Wahlentscheidend sind in Paris heutzutage die "Bobos", die jungen und freischaffenden, gut verdienenden und politisch aufgeschlossenen "Bourgeois-Bohèmes".

Diese Architektinnen und Anwälte, Künstler und Denker, Informatiker und Publizistinnen bevölkern heute fast alle Stadtbezirke von Paris. Sie vermischen sich langsam mit der gehobenen Mittelklasse - aber nicht nur mit ihr. Junge Topverdiener siedeln sich auch im ruhigen Westteil der Stadt an, rund um den Eiffelturm, die Champs-Élysées oder die Avenue Foch, wo noch das alte Bürgertum und der Geldadel regieren. Und wo noch stramm rechts gewählt wird: Der reiche Pariser Westen sorgte dafür, dass die Gaullisten unter Jacques Chirac und Jean Tiberi bis 2001 den Bürgermeister stellten.

Noch mehr Bobos siedeln sich aber im Osten an, etwa in den Vierteln um die Bastille oder die Place de la République, dort, wo sich einst das "rote" Paris aus Immigranten, Intellektuellen und Handwerkern drängte (Arbeiter und Arbeitslose wohnen seit langem in der Banlieue).

Mehr denn je gilt heute der geografische Mittelteil von Paris als wahlentscheidend. Im 9. und 10., aber auch 14. oder 15. Arrondissement lebten einst die Pariser Kleinbürger; heute sind es junge Familien, die sich in Dreizimmerwohnungen drängen, oder gut situierte Bobos.

Nicht zufällig leben und kandidieren Nathalie Kosciusko-Morizet im 14. und Anne Hidalgo im 15. Arrondissement. Dort wird der Wahlkampf von Haus zu Haus, Tür zu Tür betrieben, dort geht es ums Ganze. (brä/DER STANDARD, 21.3.2014)

Wissen: Zittern vor dem großen Stimmungstest

Nicht nur in der Hauptstadt Paris wird am kommenden Wochenende gewählt - auch in rund 37.000 weiteren Städten und Gemeinden wird über die künftige Zusammensetzung von Gemeinderäten und über die Bürgermeister entschieden. Die Kommunalwahlen gelten als erster großer Stimmungstest für Regierung und Opposition vor den Europawahlen im Mai.

Dabei stehen nicht nur die regierenden Sozialisten von Präsident François Hollande, sondern auch die oppositionellen Konservativen unter Druck. Der Regierung wird die weiter schlechte Wirtschaftslage und die hohe Arbeitslosigkeit vorgeworfen. Aber auch die Affären um Hollandes Privatleben und mehrere Skandale in seiner Ministerriege machen der Partei zu schaffen. Zuletzt sorgten die Debatten um eine Abhöraktion gegen Expräsident Nicolas Sarkozy für Aufsehen, zu deren Details Justizministerin Christiane Taubira offenbar log.

Von alldem profitieren könnte der rechte Front National. Die Partei von Marine Le Pen hofft, dass mindestens tausend ihrer Kandidaten gewählt werden. Insgesamt hat die Partei 21.000 Bewerber aufgestellt. Sie betreibt Wahlkampf in so vielen Gemeinden wie noch nie zuvor. Dass dabei oft lokale Fragen im Zentrum stehen, mag die etablierten Parteien vielleicht ein wenig beruhigen. Nähme man nämlich landesweite Umfragen zur EU-Wahl als Maßstab, könnte es dem Front National sogar gelingen, stärkste Partei zu werden. (red, DER STANDARD, 21.3.2014)

  • Die "Bobos" drücken der Stadt ihren Stempel auf.
    foto: reuters/platiau

    Die "Bobos" drücken der Stadt ihren Stempel auf.

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