Spekulationsgeschäfte mit Herd und Therme

21. März 2014, 05:30
69 Postings

Erstmals können Kunden der Wien Energie einen direkt an den Marktpreis angepassten Gastarif wählen. Aber was, wenn die Krim-Krise eskaliert?

Wien - Die Idee klingt erst einmal nicht schlecht. Warum sollen nur Börsenspekulanten mit gutem Riecher von Marktbewegungen profitieren, warum nicht auch Energiekonsumenten? Wien Energie bietet ihren Kunden daher schon länger an, Strom zu variablen Preisen zu beziehen. Die Energiekosten für einen Haushalt richten sich dabei nach den Schwankungen am Strommarkt.

Soeben hat das Unternehmen aber seine Angebotspalette deutlich erweitert. Derzeit schreibt Wien Energie Kunden in Ostösterreich an, um für einen Umstieg auf seinen brandneuen Gas-Tarif zu werben, den "Optima Float" oder den "Optima Float Cap". Beide Tarife sind, wie es auf der Homepage heißt, von Preisbewegungen am europäischen Gasmarkt abhängig. Kunden sollen von Schwankungen am Gasmarkt "zeitnah" profitieren, wirbt Wien Energie. Wer bis Ende Juni wechselt, erhält einen Monat gratis Gas geliefert, von Risiken schreibt das Unternehmen zumindest auf seiner Website nichts.

Doch die Aktion ruft Konsumentenschützer auf den Plan. Zunächst sorgt das Timing für Kopfschütteln und Kritik: Seit der russischen Militärintervention auf der Krim sind die Beziehungen zwischen der EU und Russland auf einem Tiefpunkt. Die EU hat bereits Kontosperren und Einreiseverbote gegen russische Staatsbürger verhängt und droht mit weiteren Wirtschaftssanktionen. Die Regierung in Moskau hat Gegenmaßnahmen angekündigt.

Experten befürchten, dass der Konflikt auf den Gasmarkt durchschlagen könnte und zu starken Preissprüngen führt, wenn Russland seine Gasexporte einschränkt oder auch nur damit droht. Immerhin stammt ein Drittel der EU-Gasimporte aus Russland. "Wie sich die Preise weiter entwickeln, ist wegen der Krim-Krise überhaupt nicht abschätzbar", sagt Dorothea Herzele, Energieexpertin der Arbeiterkammer.

"Erhöhtes Risiko für Kunden"

Aus Sicht der Kunden sind die kommenden Frühlings- und Sommermonate nicht das Problem. Ab Herbst könnten Preissteigerungen aber schmerzhaft werden, warnt Herzele. Beim Verein für Konsumenteninformation (VKI) wird ähnlich argumentiert: Man sei nicht prinzipiell gegen variable Tarife. Für Leute, die Risiko nicht scheuen, sei das Angebot durchaus interessant. Beim flexiblen "Optima Float" liegt der Gaspreis derzeit bei 4,1499 Cent je Kilowattstunde. Beim Standardmodell ist der Preis höher und beläuft sich auf 4,5283 Cent.

"Aber solange die Krim-Krise dauert, stellt ein direkt von Marktpreisen abhängiger Gaspreis ein erhöhtes Risiko für Kunden dar", warnt VKI-Chef Franz Floss.

Tatsächlich wirken sich bei den üblichen Gastarifen Marktsprünge nicht direkt aus. Preisanpassungen erfolgen in größeren Zeitabständen. Kommt es zu einer Preissteigerung, hat der Kunde zudem das Recht, seinen Vertrag prompt zu kündigen. Sein Gas kann er dann drei Monate zum alten Preis beziehen. Bei den variablen Tarifen erfolgen Preisanpassungen dagegen monatlich und die Kunden sind ein Jahr an den Tarif gebunden.

Aber warum lockt die Wien Energie ausgerechnet jetzt Kunden mit dem flexiblen Tarif, wo das Risiko einer Gaspreisexplosion besteht? Die Aktion ist schon länger geplant, heißt es beim Unternehmen. Österreich verfüge über genügend Gasreserven. Beim Strom sei der flexible Tarif außerdem "ungemein gefragt". Beim "Optima Float Cap" gebe es ja zudem eine Obergrenze, bis zu jener der Preis schwanken könne.

Allerdings ist die Preisentwicklung bei den variablen Tarifen nicht leicht zu durchschauen. Laut Wien Energie orientiert sich der Kundenpreis hier an dem "European Gas Index" (EGIX). Der Index bildet aber entgegen den Angaben des Unternehmens keinen europäischen Gaspreis ab. Tatsächlich basiert der EGIX auf Gashandelstermingeschäften an der Leipziger Energiebörse. Der Index bildet Einkaufs- und Verkaufspreise an der Börse ab.

Selbst beim österreichischen Regulator, der E-Control, kann niemand genau erklären, wie der Index entsteht. Er sei aber öffentlich und für die Kunden jederzeit einsichtig, heißt es bei der E-Control auf Nachfrage.

Gas wird überwiegend in Ostösterreich genutzt, zum Heizen, Kochen und Warmwasser machen. Wien Energie beliefert nach eigenen Angaben zwei Millionen Menschen mit Strom und Gas. (András Szigetvari, DER STANDARD, 21.3.2014)

  • Heizen, Kochen, Warmwasser: Besonders in Ostösterreich sind viele Menschen von Gas abhängig.
    foto: ap/norbert millauer

    Heizen, Kochen, Warmwasser: Besonders in Ostösterreich sind viele Menschen von Gas abhängig.

Share if you care.