Syrien-Flüchtlinge in Angst um ihre Familien

20. März 2014, 17:42
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Eine europaweite Kampagne will Druck auf Staaten und Institutionen für mehr Verantwortung gegenüber syrischen Flüchtlingen ausüben. Jene in Österreich zittern vielfach um ihre im Krieg zurückgebliebene Familie

Wien - Zwar halte er mit Frau und Kind per Skype Kontakt, aber er sei voll der Sorge, schildert Abdul-Hamid Dabbakh, bis vor zwei Jahren Orthopäde an einer Klinik in Aleppo, jetzt syrischer Asylwerber in Österreich. Weil die beiden in einem Ort nahe Aleppos ausharren müssten, der zweitgrößten Stadt des im Bürgerkrieg versunkenen Landes. Auch dort könne es zu Kämpfen kommen.

Doch um Ehefrau und Tochter ins sichere Österreich nachzuholen, fehlt dem 50-Jährigen ein positiver Asylbescheid. Vier Monate sei er nun in Österreich, ohne im Asylverfahren bisher auch nur einvernommen worden zu sein, schildert er. "Zu völliger Untätigkeit verurteilt" lebe er in einem Caritasheim im oberösterreichischen Waldhausen. Dabei dränge für die im Krieg zurückgelassene Frau und das Kind die Zeit. "Ich kann fast nicht glauben, dass es so weit mit uns gekommen ist", sagt Dabbakh.

Meist männliche Flüchtlinge

Wie dem Orthopäden gehe es vielen unter den syrischen Flüchtlingen, die es bis nach Österreich geschafft haben, sagt dazu Herbert Langthaler von der NGO Asylkoordination; im heurigen Jänner etwa ersuchten hierzulande 355 Syrer um Asyl. "Jede Flüchtlingsgruppe ist anders: Während etwa Tschetschenen meist mit Familie nach Österreich kommen, sind es aus Syrien fast immer nur die Männer - mit dem Wunsch, ihre Angehörigen nachzuholen."

Daher, so Langthaler beim Österreich-Start der europaweiten NGO-Kampagne Europa Act Now für Syrien-Flüchtlinge, wären angesichts der Flüchtlingskrise Erleichterungen bei der Familienzusammenführung vordringlich. Diese steht derzeit nur Ehefrauen und Lebenspartnern sowie minderjährigen Kindern anerkannter Flüchtlinge offen, sowie jenen subsidiär Schutzberechtigten, also abschiebegeschützten Personen nach einem Jahr Wartezeit. An österreichischen Botschaften im Ausland können diese ein D-Visum beantragen, mit dem sie nach Österreich einreisen dürfen, auf dass hier auch ihr Asylantrag geprüft werde.

Für andere nahe Verwandte, Eltern etwa oder Geschwister, gilt das nicht: "Meine Mutter sitzt in Ägypten fest. Ich bekomme dort kein Einreisevisum. Um sie nach Österreich zu holen, fehlt mir wiederum der nachzuweisende Verdienst", schilderte Tamim Nashed, anerkannter Flüchtling aus Syrien.

Flüchtling die Stimme leihen

Zur Bewältigung der syrischen Flüchtlingskrise brauche es in ganz Europa außerdem "Erleichterungen bei der Visa-Erteilung, gezielte Evakuierungs- sowie bessere Ressettlement-Programme", ergänzte Christoph Riedl, Leiter des Flüchtlingsdienstes der Diakonie.

Von den 2,4 Millionen syrischen Kriegsflüchtlingen haben in Europa bisher nur 81.000 Schutz gefunden. Die seit sechsten März bis Ende Juni laufende Kampagne Europa Act Now, die Stellungnahmen per Twitter und Facebook einholt und aufruft, einem syrischen Flüchtling die eigene Stimme zu leihen, will dies ändern. (Irene Brickner, DER STANDARD, 21.3.2014)

  • Syrische Frauen und Kinder, die es in den Libanon geschafft haben, warten unweit der syrischen Grenze auf Hilfe. Ihre männlichen Verwandten versuchen vielfach, Europa zu erreichen.
    foto: epa/str

    Syrische Frauen und Kinder, die es in den Libanon geschafft haben, warten unweit der syrischen Grenze auf Hilfe. Ihre männlichen Verwandten versuchen vielfach, Europa zu erreichen.

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