Lauter kleine Pisa-Führer

20. März 2014, 17:32
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Kritikfähigkeit wäre auch einmal eine Kategorie für Pisa-Tests

"Wir lernen hier Führungsqualitäten", sagt ein lieber kleiner Bub im Volksschulalter in die Kamera. Er befindet sich in einem militärisch geführten Camp in Südkorea, in das Eltern ihre Kinder stecken, weil sie ihnen körperliche und mentale "Schwächlichkeit" attestieren. Was die Kinder hier lernen, ist freilich vor allem Kuschen – also keine besondere Führungsqualität. Ein kleines Mädchen wird, an einem Seil angebunden, von einer Plattform gestoßen, die auch Erwachsene ohne Höhenangst fürchten würden. "Hör auf zu weinen!", herrscht sie der Ausbildner an.

Die Doku "Südkorea - Die Schulsklaven", die das ORF-"Weltjournal" am Mittwochabend brachte, zeigt den wahnsinnigen Alltag koreanischer Schüler. 19-Stunden-Tage sind normal. Man wird gedrillt, die Kindheit wird geraubt mit der gebetsmühlenartig wiederholten Drohung, dass das Leben zerstört sei, wenn man es nicht auf eine Elite-Uni schaffe. Tatsächlich studieren 80 Prozent der Südkoreaner, wenn auch nicht alle auf Elite-Unis. Die Folge für die Kinder: Spitzenplätze beim Pisa-Test und explodierende Selbstmordraten bei Jugendlichen.

Was die Doku noch entlarvt: Hier hat nicht nur staatlicher Drill, sondern der gute alte Kapitalismus die Hände im Spiel. Fast alle Kinder gehen nachmittags nach der Schule zusätzlich in private Lernzentren. 45 Millionen Jahresumsatz mache er, freut sich der Chef eines solchen Zentrums in Seoul.

„Dieses Schulsystem macht uns zu Marionetten und Robotern, die man herumdirigieren will", sagt ein Mädchen. Sie hat die Schule abgebrochen und gilt als Verliererin. Gewonnen hat sie Kritikfähigkeit. Das wäre auch einmal eine Kategorie für Pisa-Tests. (Colette M. Schmidt, DER STANDARD, 21.3.2014)

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