"InFamous: Second Son" im Test: Showdown in Seattle

23. März 2014, 12:00
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Teil 3 der Superheldenserie macht den Überwachungsstaat zur Augenweide, ohne sein Pouvoir zu erweitern

Seattle kennt genau zwei Wettersituationen: Bewölkt-verregnet und die Ruhe nach dem Sturm in der Abendsonne. Zu diesem Schluss könnte man zumindest als Seher kontemporärer Medienerzeugnisse wie "The Killing" kommen. Und auch das Superheldenabenteuer "InFamous: Second Son" hat sich den "zwielichtigen" Charme der nordwestlich gelegenen US-Stadt ausgesucht, um eine Geschichte über moralische Zerwürfnisse zu erzählen. Keine tiefsinnige Ergründung von Macht und Ohnmacht, doch ein Setting für ein Actionspektakel, das im Fahrwasser des Popkornkinos auf starke Bilder und gute Unterhaltung baut.

Bio-Terroristen im Ausnahmezustand

"Second Son" schließt zwar an den Vorgängern der Serie an, wurde allerdings als eigenständig funktionierende Geschichte konzipiert. Im Jahr 2016 hat sich die USA zum Überwachungsstaat gewandelt, der Bürger unter die Kontrolle des Department of Unified Protection (DUP) stellt. Der Vorwand: Unter den Menschen befinden sich nach wie vor Mutanten mit übernatürlichen Fähigkeiten, die als Gefahr für die Allgemeinheit eingestuft werden. Diese Conduits, als Bio-Terroristen gebrandmarkt, werden mit Hilfe des DUP ausfindig gemacht und eingesperrt.

Nicht von ungefähr an Genrefilme wie "X-Men" angelehnt ist es auch eine nicht sehr subtile Kritik an realen sicherheitspolitischen Zuständen, die nach der Flucht eines Conduit im Zuge eines Gefangenentransports im Ausnahmezustand der Metropole Seattle kulminiert. In den Schuhen des jungen Graffitikünstlers Delsin Rowe wird man zusammen mit Bruder und Sheriff Reggie Zeuge des Unfalls und des Moments, indem Delsin seine eigenen Fähigkeiten entdeckt. Seine Gabe ist es, die Kraft anderer Conduit aufzusaugen und zu übernehmen. Ist es zu Beginn das Element Rauch, das ihn Schweben und Feuerbälle schießen lässt, kommt nachher etwa Neon hinzu, durch das er Laserstrahlen abfeuern und blitzschnell über Häuser und jegliches Gelände flitzen kann.

Rebellion mit Feuerbällen

Das ist überaus praktisch, denn im Angesicht der staatlich praktizierten Ungerechtigkeit werden einem so Werkzeuge in die Hände gelegt, die einen politischen Umschwung deutlich flotter herbeiführen können, als Protestmärsche oder Hungerstreiks. So beschließt Delsin seine Macht zu nutzen und unterstützt durch die Anweisungen seines Bruders die Stadt von der Okkupation zu befreien.

Eine gelungene Wendung, durch die "Second Son" ohne große Umwege zum dystopischen Actionspektakel aufflammt. Die neckischen Dialoge und die von Anfang an augenschmeichelnde Inszenierung geben den Treibstoff für die unzähligen Gefechte, die noch folgen sollen.

Dunkle Machenschaften

Delsins Hauptbeschäftigung ist es von da an, die Schergen der korrumpierten Staatsgewalt Bezirk für Bezirk zu vertreiben und die dunklen Machenschaften der Drahtzieher aufzudecken. Dies gelingt, in dem man etwa Stützpunkte aushebt oder Patrouillen überfällt. Für jede Maschinengewehrsalve und jede Granate, die einem entgegengesetzt werden, schickt man Feuerbälle und Blitze zurück oder räumt mit stählernen Fäusten und Einschlägen aus großer Höhe auf.

In der Schönheit des virtuellen Seattles, das zwar nicht eins zu eins, aber erkennbar digitalisiert wurde, kommt so das für ein Superheldendasein zwingend erforderliche Gefühl der Übermacht auf, ohne dabei zu unterfordern. Zivilisten bejubeln oder fürchten einen und die DUP-Soldaten halten einen vor allem in den beiden höheren Schwierigkeitsgraden ordentlich auf Trab. Durch die Endlichkeit der aufgesogenen Energie muss man gezielt mit seinen Kräften umgehen, während man durch Erfolge und sammelbare, hochenergetische Splitter, die nach einer verheerenden Explosion im ersten Teil über die Erde verstreut wurden, seine Fähigkeiten stetig ausbauen kann.

Gut oder Böse

Ein entscheidender Faktor ist hier, ob man sich bei seinen Missionen für den "guten" oder "bösen" Pfad entscheidet. Denn je nachdem steht einem ein leicht anderes Repertoire zur Verfügung, wodurch es sinnvoll ist, sich konsequent für eine Seite zu entscheiden. Spielt man den Helden, hilft man Zivilisten und lässt Feinde am Leben, mimt man den Rächer, nimmt man das mit dem Rücksichtnehmen besser nicht so genau. Der Spielstil ändert sich dadurch nicht grundlegend, aber in der Art, wie man an Konfrontationen herangeht. Erstere erfordert deutlich mehr Umsicht.

Diese Weggabellug lädt zudem dazu ein, Seattle nach dem ersten Spieldurchlauf von rund 12 bis 15 Stunden ein zweites Mal zu besuchen. Zahlreiche Nebenmissionen wie etwa das Aufmischen von Drogenhändlern geben weitere Anreize, sich länger in der Stadt aufzuhalten.

Augenschmeichelnd inszeniert

Es ist vor allem den effektreichen Gefechten, bei denen auch die Umgebung massiv in Mitleidenschaft gezogen wird, und der flinken Fortbwegungen Delsins zu verdanken, dass man auch gerne einmal über das repetitive Missionsdesign hinwegblickt, das an die Vorgänger ebenso erinnert, wie an Action-Adventure vom Schlage "Assassin's Creed". Ein ähnlich grenzenloses Erlebnis wie ein "Grand Theft Auto 5" sollte man daher nicht erwarten. Der Glanz und die Glorie dieses wunderschön verwirklichten Sandkastens liegen lediglich darin, eine Arena für funkensprühende und explosionsgeschwängerte Showdowns zu sein.

Die Liebe zum Detail entdeckt man in zivilen Kundgebungen, Nachrichtensendungen und Graffiti, die von Delsins gutem oder bösen Aufstiegs berichten. Bei all den schimmernden Neonreklamen in der Dunkelheit, den spiegelnden Lacken am Tag und der ewigen Morgenröte am Horizont herrscht zumindest oberflächlich auch so etwas wie Leben in diesen Straßen.

Fazit

So ist "InFamous: Second Son" ein fantastisch anzusehendes und durchwegs unterhaltendes Superheldenspektakel, das einen mit seiner Erzählung und dem moralischen Zwiespalt des Protagonisten bis zum Schluss am Abzug hält. Eine technische Hochglanzproduktion, der es für ein genreerweiterndes Feuerwerk spielerisch allerdings an den revolutionären Zügen ihrer sympathischen Titelfigur fehlt. Der dritte Teil der Serie setzt das bisher Gelernte dennoch so gekonnt fort, dass nicht nur Fans sondern auch Neulinge über viele Stunden viel Gefallen an der Macht finden werden. (Zsolt Wilhelm, derStandard.at, 23.3.2014)

Trailer: "InFamous: Second Son"

"InFamous: Second Son" ist ab 16 Jahren für PlayStation 4 erschienen.

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InFamous: Second Son (Amazon)

InFamous: Second Son (Webseite)

  • InFamous: Second Son
Von: Sucker Punch/Sony
Für: PlayStation 4
Ab: 16 Jahren
UVP: 59 Euro
    foto: sony

    InFamous: Second Son

    Von: Sucker Punch/Sony

    Für: PlayStation 4

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