Die große Wiener Fehlersuche

Analyse19. März 2014, 19:30
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Die Vienna Capitals ergründen am Donnerstag ihr frühes Saisonende. Vorab eine analytische Bestandsaufnahme

Am Sonntag beendete ein 4:2-Auswärtssieg des Villacher SV die für die Vienna Capitals kürzesten Play-Offs seit 2007. Lag der Hauptstadtklub nach dem ersten Teil des Grunddurchgangs oder 44 Partien noch auf Tabellenrang eins, so kam der Motor bereits in der Zwischenrunde ins Stottern, um letztlich nach nur fünf Viertelfinalspielen den Geist gänzlich aufzugeben.

Nicht nur Negatives

Nun steht in Wien eine eingehende Fehleranalyse am Programm, nach einigen Tagen der Reflektion treffen sich Präsidium, Management und sportliche Leitung am Donnerstag, um ein Saisonfazit zu ziehen und die Zukunft zu planen. Fest steht: Das deutliche und verdiente Scheitern in der ersten Play-Off-Runde trübt den Rückblick auf eine im Allgemeinen nicht gänzlich schlechte Saison. Im dritten Jahr unter Tommy Samuelsson haben die Capitals ihre Auswärtsleistungen - ein chronisches Problem der ersten Dekade der Vereinsgeschichte - weiter stabilisiert, die Personalkosten blieben trotz eifriger Transfertätigkeit während der Saison (je drei Zu- und Abgänge seit September) weitestgehend konstant. Organisatorisch, speziell in den Bereichen Öffentlichkeitsarbeit und Merchandising, befindet sich der Klub auf einem guten Weg, auch die vor drei Jahren neu ausgerichtete Nachwuchsarbeit wird in absehbarer Zukunft Erträge abwerfen: Einer Gruppe von drei bis fünf Spielern aus dem Kader der U18- und U20-Mannschaft ist es mittelfristig zuzutrauen, sich in der EBEL zu etablieren, ein in der Geschichte der Capitals unvergleichliches Output.

Bröckelnde Defensive

In einem auf den sportlichen Bereich beschränkten Fazit zur Wiener EBEL-Saison 2013/14 sticht vornehmlich ins Auge, dass die Mannschaft im Vergleich zum letzten Jahr an Souveränität und Stabilität in der Defensive eingebüßt hat. Der diesbezüglich aussagekräftigste Indikator, der Schnitt an Even Strength-Gegentreffern pro Spiel, stieg gleich um 22,4 Prozent und konnte auch durch eine deutliche Verbesserung des Unterzahlspiels, statistisch betrachtet das erfolgreichste der Liga, nicht kompensiert werden. Die kollektive Plus/Minus-Bilanz aller Abwehrspieler ging gegenüber dem Vorjahr von +75 auf +49 zurück, nur Patrick Peter und Adrian Veideman konnten sich verbessern. Der Letztgenannte, in dieser Saison zuverlässigster Verteidiger im Team, verpasste verletzungsbedingt mehr als die Hälfte der Viertelfinalserie gegen Villach. Die dadurch erzwungenen personellen Umstellungen schwächten die Defensive der Capitals entscheidend.

Suboptimale Personalentscheidungen

Dass Wiens Abwehr, 2012/13 die deutlich beste der Liga und Garant für den Vizemeistertitel, im Verlauf der Spielzeit nie ähnliche Stabilität wie im Vorjahr erreichte, lag auch an den personellen Veränderungen im Sommer. Die neu verpflichteten Verteidiger Mark Matheson und Justin Fletcher erfüllten die in sie gesetzten Erwartungen nicht: Bereits im November bzw. Dezember wurden die beiden Legionäre abgemeldet, André Lakos, mit dem man sich im Frühjahr nicht auf eine Vertragsverlängerung einigen konnte, wurde wieder zurückgeholt.

Im Angriff stellte die sportliche Leitung ein von den Namen her sehr starkes Ensemble zusammen, dessen Individuen jedoch am Eis nur schwerlich miteinander harmonierten. Der von reichlich Vorschusslorbeeren begleitete Neuzugang Dustin Sylvester erwies sich als nur beschränkt durchsetzungsfähig und sammelte lediglich die Hälfte seiner Scorerpunkte bei gleicher Spieleranzahl am Eis. Mike Ouellette und Justin Keller, Protagonisten des Linzer Meistertitels von 2012, spielten ebenso unter ihren Möglichkeiten wie der im Februar letztlich abgemeldete Marcus Olsson. Aus der breiten Basis an unbestreitbarem Talent in der Offensive der Capitals erwuchs, obwohl im Saisonverlauf nahezu jede mögliche Kombination getestet wurde, nie eine in jenem Maße funktionierende Struktur, dass man von zwei oder gar drei konstant gefährlichen Angriffsreihen sprechen konnte. Im vierten Block blieb die Ausbeute im Angriff in Ermangelung eines adäquaten, dem Wirken Ordnung verleihenden Mittelstürmers gering.

Keine echten Führungsspieler

Ähnlich wie am Eis fand Wien in der abgelaufenen Spielzeit auch in der Kabine die optimal ausgewogene Balance nicht. Deutliche zwischenmenschliche Zerwürfnisse traten innerhalb der Mannschaft zwar seit zwei Jahren nicht mehr zu Tage, als richtig verschworene, von bedingungslosem Zusammenhalt geprägte Gemeinschaft gilt das Team jedoch nicht. Im sozialen Gefüge fehlt es an Führungspersönlichkeiten, die ihre Mitspieler anspornen und mitreißen können. Besonders stark offenbart sich dies in für die Mannschaft schwierigen Situationen wie dem letztjährigen Finale oder dem heurigen Viertelfinale, als es den Gegnern gelang, den Wiener Gameplan mit zwei, drei taktischen Manövern konsequent und nachhaltig zu durchkreuzen. Das Team scheint sich in derartigen Fällen seinem Schicksal zu ergeben, an die Stelle kollektiver Anstrengungen treten verbissen vorgetragene Einzelaktionen, vermeintlich zentrale Akteure lassen Leadership-Qualitäten vermissen und schaffen es nicht, die vorhandenen Energien zu bündeln.

Der richtige Trainer?

Einem positiven Fazit zur Saison 2013/14 steht auch der Umstand entgegen, dass die Vienna Capitals just in der wichtigsten Phase der Spielzeit in eine veritable Formkrise schlitterten. Gleich zehn der letzten 13 Spiele gingen verloren, seit dem Jahreswechsel wurde nur eine einzige Partie gewonnen, in der man mit 0:1 in Rückstand lag. Auch Trainer Tommy Samuelsson gelang es häufig nicht, seine bisweilen lethargisch wirkende Mannschaft wachzurütteln.

Ein Urteil über das seit drei Jahren andauernde Engagement des schwedischen Head Coaches in Wien fällt ambivalent aus. Samuelsson ist ein Trainer von europäischem Format, gemeinsam mit Don Jackson (Salzburg) und Rob Daum (Linz) bildet er die Avantgarde der Übungsleiter in der Erste Bank Eishockey Liga. Viele strukturelle und organisatorische Fortschritte im Klub fußen auf seinen Ideen, mit ihm als Frontfigur gedieh den Capitals ein eloquenteres, seriöseres und ernsthafteres Image in der Öffentlichkeit und vor allem im der Eishockeyszene an.

Gleichzeitig sind nach drei Spielzeiten Zweifel angebracht, ob der 54jährige tatsächlich der ideale Trainer für den Hauptstadtklub ist. Das Streben des Vereins, seine moderne Heimstätte konstant und bis zum letzten Platz zu füllen, bedingt es, dass Spielstil und Charakteristik des Teams auch Gelegenheitsbesucher ansprechen. Eine Anforderung, die mit dem strukturierten, ausgewogenen und in seiner Umsetzung für Laufkundschaft eher wenig attraktiv wirkenden Konzept Samuelssons schwerer erfüllbar scheint, als mit den weitestgehend von Konventionen befreiten Ansätzen seiner Vorgänger. An einem Eishockeystandort, an dem aufbrausenden Lautsprechern wie Giacinto Boni die Herzen zuflogen, scheint der besonnen auftretende Schwede teilweise deplatziert. In Entscheidungsabläufen im Verein, beispielsweise bei Transferaktivitäten, hält er sich häufig zurück, den Spielern gewährt er große Freiräume, die von diesen nicht immer verantwortungsbewusst genützt werden.

Über die Zukunft von Tommy Samuelsson in Wien wird die Vereinsspitze am Donnerstag mit ihm gemeinsam beraten. Auch wenn er möglicherweise nicht der ideale Trainer für die Vienna Capitals ist, spricht aktuell wenig dagegen, dass er seinen bis 2015 laufenden Vertrag erfüllen wird. Klubpräsident Hans Schmid pflegt es, schriftliche Vereinbarungen einzuhalten, in der 738 Ligaspiele umfassenden Vereinshistorie wurde noch nie ein Head Coach entlassen. Schon eher könnte eine weitere Zusammenarbeit durch Abwerbeversuche von Klubs aus höherklassigen europäischen Ligen gefährdet werden.

Aller Wahrscheinlichkeit nach wird der Trainer in Kagran jedoch auch im kommenden Jahr Tommy Samuelsson heißen. Nach zweimaligem frühen Scheitern im Viertelfinale und der bitteren Endspielniederlage von 2013 ist seine Mission in Wien noch nicht erfüllt. Für den vierten und vielleicht letzten Anlauf ist dem Coach jedoch zu wünschen, dass er ihn mit einer besser strukturierten Mannschaft wagen darf. (Hannes Biedermann; derStandard.at; 19.3.2014)

  • Trainer Tommy Samuelsson und der Mann mit dem "C" auf der Brust, Benoît Gratton.
    foto: servustv

    Trainer Tommy Samuelsson und der Mann mit dem "C" auf der Brust, Benoît Gratton.

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