Die Stunde der Speichellecker

Kommentar der anderen19. März 2014, 17:24
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Die Häme und die Gehässigkeiten gegen Hartmann sind erschütternd

Der Fall Hartmann ist ein schönes Beispiel dafür, wie Meinungsmache heutzutage funktioniert: Kaum wird einer zum Abschuss freigegeben, stürzen sich die Mitläufer wie auf ein Kommando hin auf den, der ohnehin schon am Boden liegt. Aber das Niedermachen von Künstlern hat in Österreich ja bekanntlich eine lange Tradition und ist halt immer schon ein beliebter Volkssport gewesen. Dass sich jetzt aber auch Künstler an dieser Hetzjagd beteiligen, ist mehr als traurig. Wenn beispielsweise Franzobel in seinem Standard-Kommentar Hartmanns angebliche Gier als Todsünde anprangert, dann spricht daraus nichts anderes als blanker Neid. Und als braver Katholik sollte Franzobel wissen, dass auch Neid eine Todsünde ist.

Wenn Franzobel in den Chor der Speichellecker einstimmt, und sich über Hartmanns "fürstliche Jahresgage von 200.000 Euro" aufregt, dann verschweigt er, dass davon netto 110.000 Euro übrig bleiben. Und wenn man die Monatsgage eines Burgtheaterdirektors in Höhe von 9000 Euro als "fürstlich" bezeichnet, dann frage ich mich, weshalb man sich in den letzten Jahren nicht über die horrenden Gagen aufgeregt hat, die beispielsweise bei den Wiener Festwochen gezahlt wurden.

Auch Franzobels Lamento, dass "jeder andere kleine Kulturschaffende x Anträge ausfüllen und unzählige Nachweise bringen muss, Glück und ein eigenes Konto braucht, um für ein selbstausbeuterisches Kunstprojekt 2000 Euro Förderung zu erhalten", klingt angesichts der Tatsache, dass er zum Beispiel auf das mit 14.400 Euro jährlich dotierte Staatsstipendium für Literatur quasi abonniert ist, eher unglaubwürdig. Wie er dieses zweiseitige Antragsformular ausfüllen muss, scheint Franzobel also offenbar zu wissen.

Dass Hartmann für seine Regiearbeiten ein zusätzliches Honorar bekam, ist legitim, und muss von Georg Springer als Geschäftsführer der Bundestheater-Holding auch abgesegnet worden sein. Wenn nicht, dann fragt man sich, wofür Springer sein "fürstliches Gehalt" in Höhe von 261.700 Euro (brutto) jährlich bekommt. Aber Springer verfügt halt über bessere Kontakte als Hartmann und weiß als gelernter Österreicher, wie man sich am besten dumm stellt und sich auf diese Weise aus der Verantwortung stiehlt. Springer ist seit 1988 bei den Bundestheatern tätig, und niemand kann mir erzählen, dass er nicht genau wusste, wie dieses System funktioniert.

Mich erschüttern die Häme und die Gehässigkeiten, die über Hartmann ausgeschüttet werden, und ich frage mich, weshalb man nicht mit derselben Vehemenz die Schweinereien um das Hypo-Debakel anprangert. Der Verlust des Burgtheaters macht gerade einmal ein halbes Promille des Hypo-Verlusts aus. (Kurt Palm, DER STANDARD, 20.3.2014)

Kurt Palm (59) lebt als Autor und Regisseur in Wien.

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