"Die Wahrheit": BB glänzt auf Arte

20. März 2014, 05:30
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Im Gerichtsdrama "Die Wahrheit" zeigte Henri-Georges Clouzot Brigitte Bardot von einer anderen Seite. Arte zeigt die 1960 entstandene und selten gespielte Filmperle kommenden Montag auf HD-Standard, das heißt: BB, gestochen scharf

Wien - Von allen Rollen war ihr die der Dominique Marceau in "Die Wahrheit" ("La verité") die liebste, soll Brigitte Bardot einmal gesagt haben. Als Zuschauer ist man geneigt, ihr zuzustimmen. 1960, die Bardot war gerade 26 und nach Filmen wie "Die schöne Helena" und "Und ewig lockt das Weib" als Sexbombe effektvoll gebucht, setzte Henri-Georges Clouzot ihre Talente erstmals anders ein: Nicht Männerfantasien sollte sie wecken, sondern darstellen, was jene mit Frauen machen.

Dominique ist wegen Mordes an ihrem Liebhaber Gilbert (Sami Frey) angeklagt. Wegen abgewiesener Liebe hat sie ihn erschossen und dann versucht, sich selbst das Leben zu nehmen. Das Urteil ist bereits gesprochen, noch als Dominique auf der Anklagebank Platz nimmt.

In dem nun folgenden Gerichtsverfahren drückt sich der ganze Frauenhass des Patriarchats aus: Weil der Vater beim Militär war, sei sie hauptsächlich von ihrer Mutter erzogen worden, liest der Richter in der Anklageschrift. Daraus seien Charakterzüge entstanden wie "Egoismus, Launenhaftigkeit, Mangel an Zärtlichkeit und Undankbarkeit den Eltern gegenüber". Was in "Die Teuflischen" ("Les Diaboliques") noch ein Spiel unter Dreien war, verdichtete Clouzot hier zum Stellvertreterkrieg: Die Bardot, personifizierte Sünde, legt mit geballter biblischer Weiblichkeit die Niedertracht frei, mit der Männer Frauen nicht nur benutzen, wie es ihnen passt, sondern auch noch zugrunde richten.

Blanke Pohälfte

Clouzots Film gilt als dramaturgisch überspitztes, aber im Kern authentisches Dokument der Frauenunterdrückung am Ende der 1950er-Jahre, als Frauen sich vorwerfen lassen mussten, wenn sie "dreimal pro Woche ins Kino gehen" oder sich "in Kaffeehäusern herumtreiben".

"Ist das hier ein Prozess gegen Simone de Beauvoir?", fragt der Pflichtverteidiger. Die Beauvoir erkannte in der Bardot bekanntlich eine Feministin. Und Clouzot, der über die BB sagte, sie sei auch nackt eine große Schauspielerin, hatte ein Faible für fatale Frauentypen, etwa für Simone Signoret ("Die Teuflischen") und Romy Schneider im unvollendeten Drama "L'Enfer". Der Bardot setzte er mit der Rolle und einer zentral ins Bild gerückten blanken Pohälfte ein Denkmal. Ihre schauspielerischen Schwächen konnte freilich selbst ein Perfektionist wie Clouzot nicht ganz verdecken. Man achte etwa auf eine Szene nach der gemeinsamen Nacht mit Gilbert, in der sie in allzu holprigem Schluchzen zu sehen ist.

Arte zeigt das Filmdokument kommenden Montag um 20.15 Uhr neu bearbeitet und in Hochglanzqualität - ein Gustostückerl in HD. Und ein Gruß aus einer Zeit, in der man Brigitte Bardot noch nicht als verbohrte Tierschützerin und Rechtsextremistin kannte. (Doris Priesching, DER STANDARD, 20.3.2014)

  • Zu naiv für die Männerwelt: In "Die Wahrheit“ geizt Brigitte Bardot nicht mit Reizen und hält dem ­Patriarchat einen Spiegel vor.
    foto: arte france

    Zu naiv für die Männerwelt: In "Die Wahrheit“ geizt Brigitte Bardot nicht mit Reizen und hält dem ­Patriarchat einen Spiegel vor.

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