Politik im Erziehungscamp

19. März 2014, 17:05
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Karas, der im Ruf steht, eine Bedrohung für die Wachheit seiner Zuhörer zu sein, zeigte Stichelqualitäten. Und Freund?

"Da hat Ihnen jemand etwas Falsches aufgeschrieben", ironisiert EU-Kandidat Othmar Karas (der das Logo seiner ÖVP nicht plakatiert) Richtung Eugen Freund - dem SPÖ-Kandidaten, der gelassen meint, ihm müsse "niemand etwas aufschreiben". Ein lebendiger Report-Augenblick. Karas, der im Ruf steht, eine Bedrohung für die Wachheit seiner Zuhörer zu sein, zeigte Stichelqualitäten. Und Freund? Er schien nach seinem selbstdemontierenden Quereinstieg in die Politik den Boden unter den Wahlkampf­füßen gefunden zu haben.

Jedoch ist dies noch nicht gewiss. Jene elf Minuten, die beiden Kontrahenten vergönnt waren, reichten weder zum Durchstreiten aktueller Weltprobleme - noch zu gründlicher Selbstdarstellung. Zwischen den Kandidaten stand schließlich Susanne Schnabl. Sie war die unerbittliche Hüterin ausgewogener Sprechzeitverteilung. Sie gab die Einmahnerin zur jeweiligen Frage passender Antworten. Doch war ihr journalistisches Tun frei von Fehlern, so ließ ihre Überdosis des Richtigen eine gewisse Beklemmung aufkommen.

Schon das simple "Herr Karas!" hatte etwas von einer drohenden Gnackwatsche. Und die bezüglich Politendlossprech un­erlässliche Notbremse ("Herr Karas, wir haben noch einen zweiten Gast, den wir zu Wort kommen lassen wollen!") glich im Tonfall einer Aufforderung, sich ob rotzbübischen Benehmens ins Eck zu stellen.

So schmolzen die Minuten dahin, ohne dass die wackeren EU-Kämpfer Gelegenheit bekamen, beim Verbalfechten übers Aufwärmen hinauszugelangen. Und als Frau Schnabl schließlich ermahnte, man sei über der Zeit, war es, als verkünde eine Lehrerin das Ende einer gefürchteten Besserungslektion. (Ljubiša Tošić, DER STANDARD, 20.3.2014)

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