Der "Brain-Drain" findet so nicht statt

Blog20. März 2014, 05:30
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Österreichische Akademiker im Ausland müssen nicht zurückkehren, denn andere ziehen zu

Spitzen aus Wissenschaft und Wirtschaft haben am Dienstag aufgrund aktueller Zahlen der Statistik Austria die Abwanderung von Akademikern beklagt und vor einem wachsenden "Brain-Drain" gewarnt. Nun kann es gut sein, dass Österreich unter einem Brain-Drain leidet, vor allem in Richtung USA - und es gibt dafür auch konkrete Hinweise. Aber die präsentierten Zahlen belegen das nicht.

Alles, was sie zeigen, ist, dass hochqualifizierte Menschen heute mobiler denn je sind und das grenzenlose Europa zumindest auf der wissenschaftlich-akademischen Ebene allmählich Wirklichkeit wird.

Die beiden Wiener Uni-Rektoren Heinz Engl und Heinz Faßmann sowie Voestalpine-Chef Wolfgang Eder verwiesen auf drei Trends, die sich aus den Zahlen ergeben:

- Mehr Österreicher verlassen das Land, als wieder zurückkehren.

- Unter Akademikern ist die Wegzugsrate besonders hoch.

- Von ausländischen Uniabsolventen in Österreich beantragt nur ein Fünftel nach dem Studium eine Aufenthaltserlaubnis.

Von diesen drei Fakten sind die ersten beiden ohne Aussagekraft, das dritte nur mit bedingter.

Denn insgesamt findet ja ein starker Zuzug nach Österreich statt - und dies nicht nur auf der Ebene der Geringqualifizierten. An Österreichs Unis ertönt immer wieder die Klage, dass die meisten frei werdenden Stellen in der Lehre von Deutschen oder anderen Ausländern besetzt werden - und Österreicher bei Ausschreibungen kaum eine Chance hätten.

Und auch in der Wirtschaft werden immer öfter Toppositionen von Ausländern besetzt.

Wenn aber ausländische Akademiker nach Österreich strömen, dann ist es nur natürlich, dass österreichische Absolventen ins Ausland gehen. Und die sind logischerweise mobiler als Menschem mit geringerer Ausbildung. Das ist kein Brain-Drain, sondern, wie Engl richtigerweise sagt, eine "Brain-Circulation".

Und die stärkste Zirkulation finden aus offensichtlichen Gründen in den Naturwissenschaften statt, wo man am viel leichter in fremden Kulturkreisen forschen und lehren kann als etwa in Geisteswissenschaften.

Kein Austauschjahr

Auch Engl beklagte die Tatsache, dass österreichische Wissenschafter, die ins Ausland gehen, häufig nicht zurückkehren. Aber warum sollen sie? Sie werden ja nicht auf ein Austauschjahr geschickt, sondern machen anderswo hoffentlich Karriere. Wenn sie zurückkommen, ist das im Einzelfall erfreulich, wie etwa beim Genetiker Josef Penninger, aber überhaupt nicht zwingend.

Auch Deutsche, die an heimische Unis berufen werden, bleiben oft Jahrzehnte hier oder machen überhaupt Österreich zu ihrer neuen Heimat. Daher ist es kein Verlust für Österreich, wenn sehr gute Leute auf immer draußen bleiben.

Von einem Brain-Drain könnte man in dieser vernetzten Welt höchstens sprechen, wenn österreichische Institutionen ein Problem hätten, die Spitzenpositionen mit Topleuten zu besetzen, und die Qualität der Auswanderer höher wäre als die der Zuwanderer. Doch davon ist bisher wenig zu hören. Und selbst wenn es so wäre, würden das Engl und Faßmann wohl nicht zugeben. 

Brain-Drain-Problem für andere Staaten

Bleibt der dritte Punkt, nämlich dass die Mehrzahl ausländischer Uni-Absolventen das Land wieder verlässt. Auch das kann man positiv sehen. Würden Absolventen aus Osteuropa und der Dritten Welt hier bleiben, dann hätten deren Heimatländer ein echtes Brain-Drain-Problem.

Und wenn Absolventen das Land verlassen und dafür andere hierher ziehen, könnte das wiederum nur ein vernünftiger Austausch sein.

Reformbedarf bei Rot-Weiß-Rot-Card

Ärgerlich ist es nur, wenn Absolventen hier bleiben möchten und Aussicht auf gute Stellen hätten, aber es nicht können, weil sie keine Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis bekommen. Das sollte die Rot-Weiß-Rot-Card verhindern. Deren Erhalt zu erleichtern ist tatsächlich eine Aufgabe der österreichischen Politik.

Aber ob sich so viel dadurch ändern würde, ist offen. Denn der österreichische Markt - Wirtschaft und Hochschulen - ist wohl zu klein, um allzu viele Absolventen hier zu binden. Wenn sie danach anderswo in Europa einen Job finden oder auch in ihre Heimat zurückkehren, dann hat die heimische Universitätsausbildung auch einen guten Zweck erfüllt.

Das Brain-Drain-Thema ist wichtig genug, dass es mit seriösen Daten diskutiert werden müsste. Diese Gelegenheit hat die Uni-Spitze versäumt. (Eric Frey, derStandard.at, 20.3.2014)

  • Gut ausgebildete Österreicher gehen ins Ausland, dafür aber wandern ebenso gut ausgebildete Ausländer in Österreich ein.
    foto: apa/pfarrhofer

    Gut ausgebildete Österreicher gehen ins Ausland, dafür aber wandern ebenso gut ausgebildete Ausländer in Österreich ein.

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