Hipster oder Blender? "Beides Schwachköpfe!"

Interview20. März 2014, 05:30
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Brillen- und Bartträger in hautengen Jeans, die bis zum Umfallen feiern: Das wird gemeinhin unter dem Schimpfwort "Hipster" verstanden - Die Journalistin Kara Simsek sieht das anders

Er trägt Nerdbrille und Schnauzbart, trinkt Soja-Latte-Macchiato oder Club-Mate, lebt in den Gentrifizierungsvierteln der Großstädte - bevorzugt in New York, London oder Berlin - und würde sich selbst niemals als das bezeichnen, was er in den Augen der anderen ist: ein Hipster. Die Journalistin Kara Simsek hat sämtliche Klischees in ein Buch verpackt und präsentiert 50 Stereotypen des Hipstertums. Mit derStandard.at sprach sie über das Ende dieser Modeerscheinung, das magere Erbe der nachfolgenden "Secondhand-Generationen" und darüber, dass nicht jeder Hipster oberflächlich und konsumgeil ist.

derStandard.at: Warum ein Buch über Hipster?

Simsek: Alles begann im Jahr 2010 mit dem Song "Being a Dickhead's Cool". Das war zu einer Zeit, als ganz Großbritannien ein wenig verächtlich auf Ostlondon blickte - denn das Lied wurde dort zu einem Teil des öffentlichen Lebens: Plötzlich liefen überall Männer mit Leggins herum und ließen sich Schnauzbärte wachsen. Mir machte es einfach Spaß, diese Menschen in Typologien zu fassen, rechtzeitig bevor sie sich erneut nur mehr im Fasching verrückt kleiden.

derStandard.at: Diese Subkultur wurde auch schon von Soziologen für tot erklärt.

Simsek: Zugegeben, zumindest in Großbritannien wird das Hipstertum auch auf dem großen Friedhof der medial gehypten Modeerscheinungen landen - ähnlich wie die Emos oder WAGs ("Wives and Girlfriends", zu denen etwa Fußballerfrauen wie Victoria Beckham zählen, Anm.).

Es ist besonders für die zukünftigen "Secondhand-Generationen" bedauerlich, dass diese nichts anderes entdecken werden können als zehntausende Brillen mit schwarzem Plastikgestell. Vergleichen Sie das mit dem Krimskrams, der in den 1950er- und 1960er-Jahren in Massen produziert wurde und heute um tausende Euro oder Pfund verkauft wird - und Sie werden mir beipflichten müssen, dass wir für zukünftige Antikmärkte nur wenig zu bieten haben.

derStandard.at: Woran erkennt man einen Hipster?

Simsek: Bis vor fünf, sechs Jahren konnte man "kulturelle Trends" einfach über das Aussehen identifizieren. Du bist die Straße entlanggegangen und konntest sofort erkennen, das ist ein Rocker, das ist ein Prolo, das ist eine Fashionista ... Heute ist es schwieriger, denn die Leute ziehen sich alle sehr ähnlich an. Womöglich hängt das damit zusammen, dass es mit dem Internet viel leichter geworden ist, sich "kulturelle Symbole" anzueignen.

Es gibt wenig bis gar nichts mehr, um klar unterscheiden zu können, in welche Gesellschaftsstruktur die Menschen heutzutage eingebettet sind. Folglich trägt jeder Tom, Dick und Harry Brillen - manche mit optischen Gläsern, manche mit Fensterglas -, lässt sich einen Bart wachsen und hat tätowierte Arme. Du kannst dir also nie sicher sein, ob du es mit einem Hipster oder einem Blender zu tun hast - aber in beiden Fällen sind es Schwachköpfe! Sogar One Direction (eine englisch-irische Boyband, Anm.) kleiden sich wie Hipster. Ich weiß nicht, ob das in Österreich jemand versteht, aber das ist One Direction - um Himmels willen!

derStandard.at: Ist der Hipster ein Paradoxon? Er will als einzigartig gelten und ist dennoch ein Massenphänomen, zumindest in Großstädten wie London und Berlin.

Simsek: Unglücklicherweise ist er das, aber es ist unvermeidbar, dass eine Subkultur, die sich selbst rühmt, abseits des Mainstreams zu sein, bis zum Umfallen vermarktet wird, um dem Establishment Geld zu bringen. Wenngleich das nicht ohne Ironie passiert.

derStandard.at: Würden Sie sich selbst als Hipster bezeichnen?

Simsek: Nein, doch mein Verleger meinte, ich sei das. Deshalb hat er mich auch darum gebeten, dieses Buch zu schreiben. Ich bin mir aber nicht sicher, ob ich einmal ein Hipster war. Wenn ich heute nach Dalston komme - also ins "Hipster-Epizentrum" Londons, in dem ich früher gelebt habe -, denke ich mir: "Wie können die Leute so angezogen das Haus verlassen?" Aber vielleicht bin ich mittlerweile auch einfach uninformiert, seit ich weiter weg in South Tottenham wohne.

derStandard.at: Es heißt, die Identität des Hipsters sei fragil, da sie sich primär vom Hedonismus nährt. Ist das so?

Simsek: Das dachte ich eine Weile lang auch, aber es zeigte sich während des Schreibens des Buchs, dass es Hipster gibt, die sich nicht mit billigem Bier ansaufen, sondern Partys mit Bioessen machen und bei Quinoa (Inkareis, Anm.) und Rote-Rüben-Kuchen über Hatha-Yoga-Übungen und Eckhart Tolle diskutieren. Also bin ich vielleicht doch ein Hipster ...

derStandard.at: Hat das Hipstertum auch subversives Potenzial?

Simsek: In gewissem Ausmaß. Mit dem Boykott der großen Marken und dem Kaufen von Lebensmitteln, die fair produziert werden, etwa setzt man den seelenlosen Konzernen, die die Gesellschaft, die Umwelt und die ausgebeuteten Arbeiter in den Abgrund treiben, die Pistole an. Aber manche Unternehmen in Großbritannien haben diesen Trend aufgegriffen und wenden raffinierte Taktiken an, um auch diesen Markt - oder, besser gesagt, diese Geisteshaltung - anzuzapfen. Die Empörung war enorm, als publik wurde, dass die riesige Supermarktkette Tesco der Eigentümer dieser scheinbar coolen Indie-Coffeshops Harris+Hoole ist.

Aber ehrlich gesagt, man muss kein Hipster sein, um nachhaltig zu leben und sich unabhängige Produzenten zu suchen, die einem Besseres bieten als die großen Industriemarken. Neue, alternative Einstellungen entwickeln sich nicht zuletzt durch die Rezession, da die Menschen anfangen, sich Gedanken darüber zu machen, was mit ihrem Geld passiert - im Sinne von "Welche Taschen fülle ich?". Viele der Hipster-Firmen - wie Cupcake-Lieferservices, Manufakturen, die aus upcycelten Bussitzen Hüte herstellen, oder Betreiber von Hundecafés - sind nicht selten das Ergebnis eines Neubeginns, etwa nach dem Verlust des Jobs. Oder es ist nichts anderes als der Versuch, so weit wie möglich außerhalb der Kapitalismusmaschinerie zu leben.

derStandard.at: Gibt es Unterschiede im US-amerikanischen Verständnis des Hipstertums im Vergleich zu Europa? Mark Greif, der Shootingstar der linksintellktuellen Szene New Yorks, unterstellt der europäischen Variante so etwas wie Kreativität, während er diese bei den US-Hipstern gänzlich vermisst.

Simsek: Ja, auch ich habe diesen Eindruck. Es scheint zumindest so, dass die stereotypen Hipster in Europa ihre eigenen Designagenturen betreiben, T-Shirts produzieren und Partys veranstalten, während die Hipster in den USA Kaffee verkaufen und Reiseführer lesen - obwohl sie die USA wahrscheinlich nie verlassen werden. Sie arbeiten in kleinen Coffeeshops und bloggen darüber, wie schlecht es ihnen geht - und manchmal verkaufen sie Kaffee unter dem Motto "Im Stich gelassener Mokka mit einem doppelten Soja-Schuss Traurigkeit", um auf ihre Existenzängste hinzuweisen.

derStandard.at: Wieso haben Sie Ihr Buch unter dem Pseudonym "Kara Simsek" veröffentlicht - in Analogie zur türkischen Bezeichnung der Serie "Knight Rider"?

Simsek: Nach der Uni habe ich bei einem Fachmagazin für die Holz-, Kräne- und Tunnelbranche gearbeitet. Ich wollte meinen richtigen Namen weder für die aufregenden Artikel über Sperrholzimporte aus Madagaskar noch für meine Musikgeschichten verwenden. Und so entschied ich mich, "Kara Simsek" als Pseudonym zu benutzen. Ich mag den türkischen Filmtrailer von "Knight Rider", deshab macht das für mich auch richtig Sinn. (Günther Brandstetter, derStandard.at, 20.3.2014)

Kara Simsek alias Emma Gritt (30) schreibt unter anderem für Zeitungen und Magazine wie "Vice", "Dazed and Confused", "The Sun", "Metro" und "The Independent". Anfang 2013 erschien ihr Buch "So You Think You're a Hipster", das es seit März 2014 auch in der deutschen Übersetzung gibt.

  • Hipstertum als Wettbewerb: Teilnehmer des Hipster Winter Cup 2013 in Berlin.
    foto: apa/epa/hannibal hanschke

    Hipstertum als Wettbewerb: Teilnehmer des Hipster Winter Cup 2013 in Berlin.

  • Im Original sicher unterhaltsamer als in der deutschen Übersetzung:
Kara SimsekHipsterEine TypologieVerlag Schwarzkopf & Schwarzkopf128 Seiten, 15,40 Euro
    foto: schwarzkopf & schwarzkopf

    Im Original sicher unterhaltsamer als in der deutschen Übersetzung:

    Kara Simsek
    Hipster
    Eine Typologie
    Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf
    128 Seiten, 15,40 Euro

  • Wer's lieber intellektuell hat, dem sei die von Mark Greif herausgegebene Analyse des Hipstertums empfohlen:
Mark Greif (Hg.)HipsterEine transatlantische DiskussionSuhrkamp 2012 208 Seiten, 18,50 Euro
    foto: suhrkamp/insel

    Wer's lieber intellektuell hat, dem sei die von Mark Greif herausgegebene Analyse des Hipstertums empfohlen:

    Mark Greif (Hg.)
    Hipster
    Eine transatlantische Diskussion
    Suhrkamp 2012
    208 Seiten, 18,50 Euro

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