Perlendinge und Federsachen: Besuch in Pariser Handwerksbetrieben

24. März 2014, 11:36
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Die Couture von Chanel funktioniert wie eine fein geölte Maschinerie - Produziert wird in und um Paris in traditionsreichen Handwerksbetrieben - Um deren Überleben zu sichern, wurden sie in den vergangenen Jahren fast zur Gänze von Chanel aufgekauft

Paris in der dritten Jännerwoche. Sie gehört der französischen Couture. Wieder einmal hat es Karl Lagerfeld, stolze achtzig, geschafft: Alle reden über Chanel. Am Ende seiner Modeschau unter der großen Glaskuppel des Grand Palais kleben alle Blicke am Boden. Oder besser: an den Schuhen. Denn die scheinen so überhaupt nicht Haute Couture: erstens flach und zweitens sportlich - Sneakers eben.

Haute Couture mag nach wie vor eine exklusive Angelegenheit für weltweit wenige dicke Brieftaschen sein. Jedes Kleid ein Einzelstück. Gefertigt in unzähligen Arbeitsstunden. Die Preise: mehrere zehntausend Euro.

Ansehen soll man ihr das aber nicht: Tatsächlich machen im Grand Palais die Models fast vergessen, dass sie von Kopf bis Fuß in heikler Handarbeit stecken. Karl Lagerfeld schwingt bei Chanel seit mehr als drei Jahrzehnten das Zepter und beweist dieselbe Antenne für den Zeitgeist wie Mademoiselle Coco vor hundert Jahren. Warum nicht auch handgefertigte Turnschuhe, jedes Paar ein schimmerndes Unikat für rund 3000 Euro, auf den Markt werfen? Soll ja Spaß machen, das Geldausgeben.

Viele Arbeitsstunden

Dem türkis schimmernden Federkleid, das als Nummer 45 über den Laufsteg joggt, sieht man die vielen Arbeitsstunden, die in ihm stecken, nicht an. Zum Glück, sonst wäre wohl alle Leichtigkeit dahin. Bevor das argentinische Model Magda Laguinge in ihm die Stufen im Grand Palais hinunterwippt, ist das Stück in kürzester Zeit durch eine ganze Heerschar an Händen gewandert: In sechs Wochen ist die Kollektion entstanden, sie besteht aus 64 Outfits. Das ist wenig Zeit. Doch die Couture von Chanel funktioniert wie eine feingeölte Maschinerie, hier greift ein Rädchen ins andere. Produziert wird in und um Paris, denn in der Haute Couture sind kurze Produktionswege das A und O.

Dabei schlägt das Herz von Chanel noch immer in der Nummer 31 der schmalen Rue Cambon im ersten Arrondissement von Paris. Da dreht sich die legendäre Treppe zu Coco Chanels Apartment hinauf, darüber stapeln sich das Studio des Chefdesigners Lagerfeld und die Chanel-Ateliers. Hier, am Schreibtisch von Karl Lagerfeld, nimmt Mitte Dezember alles seinen Lauf, denn der Silberzopf brütet ab dann und besonders gern rund um den Jahreswechsel über seinen Entwürfen.

Im neuen Jahr muss es aber schnell gehen. Als Erste dürfen die Mitarbeiter in den Ateliers im Chanel-Hauptquartier die Skizzen begutachten: Was Lagerfeld wohl diesmal zu sagen hat? Die knapp hingeworfenen Striche in aller Schnelle in ein Kleid übersetzen, das können wohl nur langjährige Mitarbeiterinnen. Die verwandeln das Strichwerk erst in ein Mollinomodell, dann in ein Kleid aus Seidentüll. Und danach? Sind die Spezialbetriebe dran. Unterrock und Korsett werden ins neunte Arrondissement zum Stickereispezialisten Montex gebracht.

Detailarbeit

Dicht an dicht sitzen dort die Stickerinnen zu zweit über die Stickrahmen gebeugt, allein für das trägerlose Kleid, die Nummer 45, hängen sie mehr als 280 Stunden über den Stickrahmen. Die Herausforderung: 134.000 Pailletten auf dem Korsett, 82.000 auf dem Unterrock zu platzieren. Gestickt wird in Luneville-Technik von der Rückseite des Seidentülls - in der einen Hand die feine Häkelnadelspitze, mit der anderen werden die Pailletten in Position gerückt.


Beim Stickereispezialisten Montex werden die Pailletten appliziert.

Die Federn allerdings, die werden wieder ganz woanders, nämlich draußen in der Banlieue zurechtgezupft. Eine halbe Autostunde von der Innenstadt entfernt kümmern sich die Federschmuckmacherinnen von Lemarié darum, die schillernden Enten-, Straußen- und Hähnchenfedern auf dem Seidentüll mit einem Spritzer Kleber an Lurexfäden in eine Ordnung zu bringen.


In den Ateliers von Lemarié ist man für die Federn zuständig.

Chanel sitzt nämlich nicht mehr nur im Zentrum der Stadt, sondern seit einem knappen Jahr auch im Pariser Vorort Pantin. Dorthin ist Hermès bereits Anfang der 1990er-Jahre gezogen, und spätestens seit Thaddaeus Ropac dort 2012 seinen Ausstellungsraum eröffnet hat, gilt Pantin als sexy. Die New York Times ortet dort gar das neue "Brooklyn von Paris".

Zurückhaltung bei Chanel

In dem schmucklosen Bau in der Nähe des Canal de l'Ourcq deutet allerdings nichts auf dessen prominenten Mieter hin. Während im ersten Arrondissement die schwarzen Chanel-Schriftzüge auf den weißen Markisen ausgefahren sind, herrscht hier vor allem eines: Zurückhaltung. Seit einem knappen Jahr beherbergt die Niederlassung auf circa 30.000 Quadratmetern eine Handvoll der elf Handwerksbetriebe, die Chanel innerhalb der vergangenen Jahre aufgekauft hat.

Für das Haute-Couture-Haus ist Vordenken angesagt: Wenn die Existenz eines Zulieferers aus Paris und Umgebung auf dem Spiel steht, greift Chanel ein und kauft auf. Für Dior, Saint Laurent oder Louis Vuitton können die Spezialbetriebe nebenbei trotzdem arbeiten, zusammengefasst werden sie unter dem Label "Paraffection". Den Hutmacher Maison Michel und den Federschmuckmacher Lemarié hat Chanel Mitte der 1990er-Jahre erworben, den Stickereispezialisten Lesage 2002, wenige Jahre später den Juwelier Gossens. Sie alle sind in Pantin Seite an Seite unter einem Flachdach vereint. Das ist sinnvoll, auch wenn eine Mitarbeiterin klarmacht: "Vierzig Minuten täglich mit dem Bus raus", daran müsse sie sich erst einmal gewöhnen.

In dem unscheinbaren Gebäude in der Banlieue haben die Mitarbeiter dafür endlich Licht und Raum und freie Sicht. Und hinter jeder Tür versteckt sich eine neue Welt: An einem Ende werkt der glatzköpfige Patrick Gossens über seinen Schmuckstücken, einige Meter weiter werden über hölzernen Hutformen Damenhüte für das Maison Michel in Form gezogen, im Raum nebenan die Federschmuckmacherinnen, die in Arbeitsgruppen ihre Nasen zusammenstecken.


Ohne die auf traditionelle Techniken spezialisierten Pariser Handwerksbetriebe gäbe es die Haute Couture in der heutigen Form schon lange nicht mehr.

Für solch ein ungestörtes Nebeneinander ist in den charmanten Schuhschachteln im Zentrum von Paris kaum Platz. Dort ist in der Modewoche jede Menge Stress angesagt. Während also draußen in Pantin die Mitarbeiterinnen des Maison Michel zwischen ihren Hüten schon wieder Zeit für einen Tratsch haben und das Atelier Lemarié bereits über den Kamelien der Sommerkollektion, "drei Stunden pro Blüte, mindestens", sitzt, geht es in der Rue Cambon während der Couture-Woche zu wie in einem Bienenstock: ein Kommen und ein Gehen. Dicke, dunkle Limousinen fahren schwarze Anzüge, Highheels und Designerkleider vor. Die Rue Cambon macht sich besonders gut als perfekte Kulisse für die Paris-Visite der Couture-Kundinnen.

Und vielleicht findet ja eine von ihnen Gefallen an dem türkis schimmernden Federkleid, zu guter Letzt in einem der vier Couture-Ateliers zusammengeschneidert und in einem abschließenden Fitting von Lagerfelds fingerlosen Lederhandschuhen durchgewunken. Und vielleicht tütet sie das dazugehörige Paar Sneakers ja auch gleich mit ein: Accessoires sind in der Couture nur zusammen mit dem Outfit zu haben. Ein altmodischer Gedanke, aber Exklusivität folgt eben eigenen Gesetzen. (Anne Feldkamp, Rondo, DER STANDARD, 21.3.2014)

Haute Couture

Les Petites Mains
Aufgrund der teilweise winzigen Details werden in der Haute Couture die Schneiderinnen und Schneider "Petites Mains", also "kleine Hände", genannt. Zu den einhundert Petites Mains, die Chanel beschäftigt, kommen noch zusätzliche Experten für die Stickereien, die Federn, die Knöpfe, Schuhe oder Hüte, die ebenfalls alle ihren Sitz in Paris haben. In den Werkstätten von Lesage werden in erster Linie Stickereien hergestellt, bei Massaro arbeitet man etwa 40 Stunden an einem Paar Schuhe, Michel steht für hochwertigste Hüte und Lemarié für Blumen und Federn. All diese Zulieferbetriebe wurden in den vergangenen Jahren von Chanel aufgekauft, um deren Überleben zu sichern. Die Ateliers arbeiten allerdings auch für andere Luxusfirmen wie etwa Dior oder Jean Paul Gaultier.

  • Der Look Nummer 45: Allein für dieses Kleid arbeiten Stickerinnen mehr als 280 Stunden am Stickrahmen, um hunderttausende Pailletten auf Korsett und Unterrock zu platzieren.
    foto: herstellung/montex

    Der Look Nummer 45: Allein für dieses Kleid arbeiten Stickerinnen mehr als 280 Stunden am Stickrahmen, um hunderttausende Pailletten auf Korsett und Unterrock zu platzieren.

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