Ökonom: Bankenunion gegen nächste Krise

Interview18. März 2014, 17:43
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Zufrieden mit der Krisenpolitik Europas, aber skeptisch in Bezug auf Griechenland ist Ökonom Daniel Gros. Die Bankenunion hält er für enorm wichtig

Hätte Europa vor der Krise eine funktionierende Bankenunion gehabt, wäre die Währungsunion nie in solche Turbulenzen gestürzt, sagt Daniel Gros, Leiter der Brüsseler Denkfabrik CEPS, im Interview mit dem STANDARD. Die Sparpolitik in Europa sei unvermeidbar gewesen, Griechenland stehe trotz drastisch sinkender Preise weiter schlecht da. Die Eurozone habe ihre Hausaufgaben aber erledigt.

STANDARD: Herr Gros, war der Euro rückblickend ein Fehler?

Gros: Die Einführung des Euro ohne die Bankenunion war ein großes Risiko.

STANDARD: Aber kein Fehler?

Gros: Selbst im Nachhinein wäre es ohne Euro nicht viel besser gewesen. Vergleicht man die Kosten mit der Krise in den 1990er-Jahren, als etwa auch Schweden große Probleme hatte, sind diese sehr ähnlich wie heute. Die Einkommensverluste waren damals ähnlich hoch.

STANDARD: Sie haben die Bankenunion hervorgehoben. Mit der wäre es anders gekommen?

Gros: Ein konkretes Beispiel. Nevada ist etwa gleich groß wie Irland und hatte einen ähnlichen Immobilienboom. Im Fall von Irland war der Staat fast bankrott, im anderen Fall gab es kein Problem. In Irland ging das ganze Finanzsystem kaputt, in Nevada wurde es nur marginal getroffen. Es sind zwar an die 30 Banken pleitegegangen, aber das zu managen hat eine staatenübergreifende Institution übernommen. Wenn wir so etwas in Europa haben, werden die ganz großen Schocks abgefedert. Dann brauchen wir auch keine Fiskalunion.

STANDARD: Der Euro gilt als politisches Projekt. Lässt er sich ökonomisch überhaupt rechtfertigen?

Gros: Die ökonomischen Vorteile waren immer zweitrangig. Sie gibt es aber, ich glaube immer noch, dass sie überwiegen.

STANDARD: Die Beliebtheitswerte der EU sind im Keller. Die Krisenpolitik traut sich kaum jemand zu loben. Sie schon. Warum?

Gros: Das, was in den Ländern getan wurde, die Unterstützung brauchten, war unvermeidlich. Das hätte der Währungsfonds auch verlangt, das hätte jeder von ihnen verlangt. So war auch diese Krisenpolitik nicht verkehrt. Verkehrt war, dass man nicht schon 2009 oder 2010 gesehen hat, dass das eigentliche Problem nicht die Fiskalpolitik ist, sondern der Finanzmarkt. Das wirkliche Problem an Griechenland war nicht, dass der griechische Staat pleite war, sondern dass die Finanzmärkte verrücktgespielt haben, als das bekannt wurde. Man hätte die Finanzmärkte stabilisieren müssen, nicht die Staatshaushalte. Das hat Frau Merkel erst 2012 erkannt.

STANDARD: Banken wurden doch auch schon vorher gerettet.

Gros: Das war das Problem. Man musste sie retten, weil man kein System hatte. Wenn man ein stabiles System hat, kann man einzelne Banken auch fallen lassen. Wenn das ganze System labil ist, muss man alles und jeden retten.

STANDARD: Die Unicef warnt vor hoher Kinderarmut in Griechenland, das Gesundheitssystem kämpft mit großen Problemen, viele haben alle Ansprüche auf Hilfe verloren. Hat die Troika in Griechenland mit den Kürzungen übertrieben?

Gros: Ich glaube nicht, dass das Sparen durch Europa erzwungen wurde. Die Realität ist, dass Griechenland weniger sparen musste, weil es 200 Milliarden an Krediten erhalten hat. Die Sparpolitik war nicht verkehrt, es wurde nicht zu viel gespart, es wurde vielleicht zu spät und an der falschen Stelle gespart.

STANDARD: Hätte die Union als reichster Wirtschaftsraum der Welt nicht trotzdem einige Härten ausgleichen können?

Gros: Hilfen müssten lokal verwaltet werden. In Griechenland funktioniert die Verwaltung aber nicht. Vor der Krise nicht und jetzt noch viel schlechter. Von mehr Ressourcen oben rein wäre vielleicht für die Armen unten gar nicht viel mehr rausgekommen.

STANDARD: Wie steht Griechenland wirtschaftlich heute da?

Gros: Gemessen an den relativen Lohnkosten steht Griechenland unter den Krisenländern merkwürdigerweise am besten da. In Summe geht es Griechenland aber heute sehr viel schlechter. Die Anpassung bei den Preisen hat stattgefunden, bei den Exporten ist das Land das Schlusslicht unter den Krisenländern.

STANDARD: Wie kann das sein?

Gros: Schwer zu erklären. Wenn man nicht davon ausgeht, dass die im Parlament beschlossenen Reformen in Wirklichkeit unten gar nicht umgesetzt wurden und sich die griechische Wirtschaft deshalb nicht richtig angepasst hat.

STANDARD: Die Preise in Griechenland sind über Jahre gesunken. Jetzt ist die Inflation auch in Resteuropa sehr niedrig, im Februar lag sie bei 0,8 Prozent. Warum?

Gros: Es liegt wohl an der schwachen Nachfrage. Sehr viel mehr kann man nicht sagen.

STANDARD: Müsste die Inflation in Ländern wie Deutschland oder Österreich nicht viel höher sein?

Gros: Schön wär's. Aber es ist schwierig, das herbeizuführen. Keiner weiß genau, wie man das machen könnte. Die Löhne werden zwischen den Sozialpartnern ausgehandelt. Die EU kann wenig daran ändern. Dass das die Anpassung für viele Länder schwieriger macht, ist klar.

STANDARD: Wäre es ein Problem, wenn die Inflation über lange Zeit so niedrig bleibt?

Gros: Es wäre nicht sehr erfreulich und macht gewisse Probleme sehr viel schwerwiegender. Ich habe aber leider das Gefühl, dass man sehr wenig dagegen tun kann. (Andreas Sator, DER STANDARD, 19.3.2014)

Daniel Gros (59) ist Direktor des Centre for European Policy Studies (CEPS) in Brüssel. Er war auf Einladung von Wirtschaftskammer und Institut für Höhere Studien (IHS) in Wien.

  • Die Politik näht dem Eurosystem derzeit eine Bankenunion. Ökonom Gros hält diese für essenziell.
    foto: dpa/brandt

    Die Politik näht dem Eurosystem derzeit eine Bankenunion. Ökonom Gros hält diese für essenziell.

  • Die Eurozone hat ihre Hausaufgaben in der Krise gemacht, sagt Daniel Gros.
    foto: regine hendrich

    Die Eurozone hat ihre Hausaufgaben in der Krise gemacht, sagt Daniel Gros.

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