Leben auf Gipfeln unter dem Atlantik

20. März 2014, 18:19
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Wissenschafter fanden auf Seebergen unter der Atlantikoberfläche zahlreiches Getier, darunter kleine schwarze Haie, eine neue Krebsart und Moostierchen

Wien - August 2011: Nordwestlich der spanischen Hafenstadt Vigo fährt das Forschungsschiff Miguel Oliver über das ziemlich stürmische Meer. Es ist auf dem Weg zur etwa 200 Kilometer von der Küste entfernt liegenden Galicien Bank, einem ausgedehnten unterseeischen Plateau mit einer Fläche von über 6200 Quadratkilometern. "Das Wetter war nicht wirklich gut", berichtet der an der Universität Wien tätige Meeresbiologe Javier Souto-Derungs im Gespräch mit dem Standard. Fünf bis sechs Meter hohe Wellen sorgten für eine turbulente Fahrt. Die Wissenschafter an Bord störte das allerdings nur wenig. Ihr Ziel war es, mehr über das Leben dort draußen in der Tiefe zu erfahren. Eine spannende Entdeckungsreise.

Die Galicien Bank ist ein sogenannter Seeberg. Das Unterwassermassiv erhebt sich mehr als 4000 Meter über dem Tiefseeboden des Atlantiks, der höchste Punkt liegt etwa 600 Meter unter der Ozeanoberfläche. Es gibt keine Verbindung mit den Flachwasserbereichen an der Küste der Iberischen Halbinsel, dazwischen liegt ein rund 3500 Meter tiefer Graben. "Ein Seeberg ist wie eine Insel", meint Javier Souto-Derungs. Und wie viele Inseln ha- ben auch die unterseeischen Gebirge oft ihre eigenen, typischen Lebensgemeinschaften. Deren Struktur und Ökologie sind gleichwohl nur ansatzweise erforscht. Viele Experten glauben, dass Seeberge aufgrund ihrer isolierten Lage eine überdurchschnittlich hohe Anzahl an Endemiten, Tier- und Pflanzenspezies, die nur an einem bestimmten Ort vorkommen, beherbergen müssten. Doch wirklich bewiesen ist das nicht.

Arbeit mit Sonden

Souto-Derungs und seine Kollegen wollten die Artenvielfalt der Galicien Bank genauer erfassen. Mit Schleppnetzen, Dredschen und Sonden suchten sie Boden und Hänge des Plateaus ab. Eine Tauchkamera machte Unterwasseraufnahmen.

Der Einsatz wurde belohnt. Die Geräte brachten körbeweise Getier an Bord, auch das Bildmaterial lieferte wertvolle Informationen. Das Gebirge ist offenbar an vielen Stellen von Kaltwasser-Korallen besiedelt. Andernorts steht praktisch nackter Fels an, während flache Bodenpartien vor allem mit winzigen Schneckengehäusen bedeckt sind.

Zu den vorgefundenen Bewohnern gehören unter anderem kleine schwarze Haie und eine neu entdeckte Krebsart, Uroptychus cartesi. Letztere hat Verwandte in der Karibik.

Das Hauptinteresse von Javier Souto-Derungs gilt indes den Bryozoen, zu Deutsch Moostierchen. Über sie hofft der Forscher mehr Einblick in die Entstehung der Fauna von Seebergen und den dort herrschenden ökologischen Bedingungen zu bekommen. Moostierchen sind eigentümliche Kreaturen. Ähnlich wie Korallenpolypen leben sie in Verbänden zusammen und bauen dabei gemeinsam größere Strukturen auf. Diverse Arten bilden krustenartige Kolonien, andere filigran verzweigte oder scheibenförmige Konstruktionen. Die oft weniger als einen Millimeter großen Tiere haben Gehäuse aus Proteinfasern. Häufig sorgt eingelagerter Kalk für zusätzliche Festigkeit. Die Winzlinge ernähren sich von organischen Partikeln und Einzellern, welche sie mit ihren Tentakeln aus dem Wasser filtern.

Bei vielen Bryozoen-Spezies tritt innerhalb eines Verbandes Arbeitsteilung auf. Während sich zahlreiche kleinere Individuen um die Nahrungsversorgung kümmern, sind einige stärkere Koloniemitglieder mit der Produktion von Eizellen und Spermien beschäftigt.

Die seltsam aussehenden Avicularien wiederum sorgen mit ihren schnabelartigen Haken und den damit verbundenen Muskeln für die Verteidigung oder die Verankerung der Gemeinschaft. Sämtliche Einzeltiere stehen über Gewebegänge miteinander in Verbindung. So können auch Nährstoffe ausgetauscht werden. Die Fortpflanzung erfolgt bei Bryozoen über frei ins Wasser abgegebene Spermien. Sie treffen so auf die reifen Eizellen benachbarter Artgenossen und befruchten diese. Relativ viele Arten betreiben Brutpflege. Die befruchteten Eier entwickeln sich dann im Körper des - oft zwittrigen - Muttertieres. Frisch geschlüpfte Larven sind zwar schwimmfähig, aber sie müssen sich normalerweise schon nach kurzer Zeit auf festem Untergrund niederlassen.

Unselbstständiger Nachwuchs

Was dahintersteckt: Anders als bei vielen anderen Meeresgeschöpfen lebt der Nachwuchs der allermeisten Moostierchen-Spezies nicht selbstständig im Plankton. Sie können nicht für ihr eigenes Futter aufkommen und zehren stattdessen von einer Dotterreserve. Ist diese aufgebraucht, muss die junge Bryozoe schleunigst sesshaft werden und mit der Metamorphose beginnen. Weite Reisen in der Meeresströmung sind deshalb ausgeschlossen. Die Kleinen können nicht allzu fern von ihrer Elternkolonie Fuß fassen.

Ihre mangelnde Mobilität macht Moostierchen zu interessanten Indikator-Organismen. Sie müssen sich stark an ihre Umwelt anpassen, was dazu führen könn- te, dass in isolierten Lagen mit der Zeit neue, spezialisierte Arten entstehen. Javier Soutos-Derungs vergleicht deshalb die auf der Galicien-Bank eingesammelten Bryozoen mit solchen, die vom nahe gelegenen Kontinentalschelf und zwei weiteren Seebergen, der Le Danois Bank in der südöstlichen Biscaya und der Gorringe Bank westlich der Algarve, stammen.

Der Experte verwendet für seine Untersuchungen zu einem wesentlichen Teil elektronenmikroskopische Aufnahmen. Nur so lassen sich die unterschiedlichen Arten eindeutig identifizieren. Das hinzugezogene Vergleichsmaterial wird hauptsächlich vom Oberösterreichischen Landesmuseum in Linz bereitgestellt. Dort befindet sich eine der weltweit größten Sammlungen von Seeberg-Bryozoen. Der österreichische Wissenschaftsfonds FWF unterstützt Souto-Derungs' Untersuchungen finanziell.

Die ersten Ergebnisse der Analysen liegen bereits vor. Für die Galicien Bank konnten insgesamt 24 verschiedene Arten von Moostierchen aus der Gruppe Cheilostomata (zu der rund 80 Prozent aller Bryozoen gehören) nachgewiesen werden. Immerhin 13 davon waren der Wissenschaft bislang nicht bekannt.

Die Artenvielfalt ist indes geringer als in vergleichbaren Habitaten am Kontinentalschelf. Haben diverse Spezies niemals den Sprung auf den Seeberg geschafft, oder finden sie dort nicht die geeigneten Lebensbedingungen vor? Dieser und weiteren Fragen will Javier Souto-Derungs in den kommenden Monaten nachgehen. (Kurt de Swaaf, DER STANDARD, 19.3.2014)

  • Der Fund der Wissenschafter unter dem Elektronenmikroskop betrachtet: die bizarre Mikrometer-Welt der Seeberg-Bryozoen.
    foto:javier souto-derungs

    Der Fund der Wissenschafter unter dem Elektronenmikroskop betrachtet: die bizarre Mikrometer-Welt der Seeberg-Bryozoen.

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